3. Mit der Behinderung leben

3.1 Grad der Behinderung (GdB), Sozialgesetzbuch

Wenn sich abzeichnet, dass man dauerhaft (d.h. länger als sechs Monate) behindert sein wird, dann sollte man beim Versorgungsamt den Grad der Behinderung (GdB) amtlich feststellen lassen. Manchmal hilft einem dabei schon der Klinik-Sozialdienst bei der Entlassung aus der Reha. Wenn der GdB festgestellt ist, kann man eventuell einen Schwerbehindertenausweis beantragen.
    Das zuständige Versorgungsamt findet man auf der Website www.versorgungsaemter.de. Antragsformulare findet man ebenfalls im Internet.

Es gibt in Deutschland zwölf Sozialgesetzbücher (SGB I - XII). Darin sind alle wesentlichen Bereiche des Sozialrechts geregelt. Von den Sozialversicherungen bis zu den Leistungen staatlicher Fürsorge. Das SGB IX befasst sich mit der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen. Eine Behinderung ist darin wie folgt definiert:
    »Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.«

Der Grad der Behinderung (GdB) ist also ein Maß für die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Auswirkungen einer Funktionsbeeinträchtigung aufgrund eines Gesundheitsschadens.
    Der GdB kann zwischen 20 und 100 liegen. Er wird in 10er-Schritten gestaffelt. Oft gibt man den GdB in Prozent an. Man sagt zum Beispiel: »Ich habe einen GdB von 50 Prozent«. Das ist aber falsch. Richtig heißt es: »Ich habe einen GdB von 50«. Bei der Beurteilung eines Antrags richtet sich das Versorgungsamt nach den sogenannten »Versorgungsmedizinischen Grundsätzen«. Für die Bemessung des GdB ist die tatsächlich vorhandene und nachzuweisende Leistungseinschränkung durch die Behinderung maßgeblich.
    Es ist vorteilhaft, bereits beim Antrag die Auswirkungen der Behinderung und die damit verbundenen Beeinträchtigungen im Alltag zu beschreiben und durch ärztliche Atteste etc. bestätigen zu lassen.
    Abhängig vom festgestellten GdB kann der Behinderte sogenannte Nachteilsausgleiche (z.B. Steuererleichterungen) in Anspruch nehmen. Eine Behinderung ab einem GdB von 50 gilt als Schwerbehinderung. In diesem Fall kann ein Schwerbehindertenausweis beantragt werden.

 

3.2 Schwerbehindertenausweis, Parkausweis

Den Schwerbehindertenausweis beantragt man ebenfalls beim zuständigen Versorgungsamt. Damit kann man sich als schwerbehinderter Mensch ausweisen und erhält einige Sonderrechte und Vergünstigungen. Wie Führerschein und Personalausweis ist der Schwerbehindertenausweis eine Plastikkarte im Bankkartenformat. In den Ausweis wird der GdB und gegebenenfalls die zuerkannten Merkzeichen eingetragen. Merkzeichen sind ergänzende Angaben, mit denen spezifische Behinderungen kenntlich gemacht werden.
    Folgende Merkzeichen können im Ausweis eingetragen sein:

• G: erheblich gehbehindert
• aG: außergewöhnlich gehbehindert
• Gl: gehörlos
• H: hilflos
• Bl: blind
• RF: Vollständige oder teilweise Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht für taubblinde Menschen und Empfänger von Blindenhilfe.
• B: Die Mitnahme einer Begleitperson ist möglich.
• 1. Kl.: Die 1. Wagenklasse der Deutschen Bahn kann unter bestimmten Umständen mit einem Fahrausweis der 2. Klasse genutzt werden.
• VB: Versorgungsberechtigung nach dem Soldatenversorgungsgesetz oder dem Opferentschädigungsgesetz.
• EB: Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) nach dem Bundesentschädigungsgesetz.

9Der Schwerbehindertenausweis wird für längstens fünf Jahre ausgestellt. Er kann nach Ablauf dieser Frist zweimal beim zuständigen Versorgungsamt verlängert werden. Eine unbefristete Ausstellung ist nur möglich, wenn beim Inhaber eine wesentliche Änderung der gesundheitlichen Verhältnisse und damit eine Änderung des GdB nicht zu erwarten ist.

Der Schwerbehindertenausweis allein berechtigt nicht zum Parken auf Behindertenparkplätzen mit dem Rollstuhlfahrersymbol. Man braucht dafür den EU-weit geltenden blauen Parkausweis. Ob man den bekommt, hängt ab vom Grad der Behinderung (GdB) bzw. vom Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis. Der Personenkreis ist stark eingeschränkt. Den blauen Parkausweis erhält man, abhängig vom Bundesland, bei unterschiedlichen Behörden.

Das »Amt der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen« (www.behindertenbeauftragte.de) nennt die Berechtigungen mit dem blauen Parkausweis.

Der blaue Parkausweis erlaubt demnach:

  • auf den mit Zusatzschild »Rollstuhlfahrersymbol« besonders gekennzeichneten Parkplätzen (sog. Behindertenparkplätzen) zu parken,
  • bis zu drei Stunden an Stellen zu parken, an denen das eingeschränkte Halteverbot angeordnet ist,
  • im Bereich eines Zonenhalteverbots die zugelassene Parkdauer zu überschreiten,
  • an Stellen, an denen Parken erlaubt ist, jedoch durch ein Zusatzschild eine Begrenzung der Parkzeit angeordnet ist, über die zugelassene Zeit hinaus zu parken,
  • eine längere Parkzeit für bestimmte Halteverbotsstrecken zu nutzen. Die Ankunftszeit muss sich aus der Einstellung auf einer Parkscheibe ergeben,
  • in Fußgängerbereichen, in denen das Be- und Entladen für bestimmte Zeiten freigegeben ist, während der Ladezeiten zu parken,
  • auf Parkplätzen für Anwohner bis zu drei Stunden zu parken,
  • an Parkuhren und Parkscheinautomaten ohne Gebühr und zeitliche Begrenzung zu parken,
  • auf gekennzeichneten Bus- und Sonderfahrstreifen in Berlin während der durch Zusatzschild ausgewiesenen Ladezeit bis zu drei Stunden zu parken. Die Ankunftszeit muss sich aus der Einstellung einer Parkscheibe ergeben,
  • in Bereichen, in denen das absolute Halteverbot mit Zusatzzeichen: »Be- und Entladen, Ein- und Aussteigen frei« angeordnet ist, bis zu drei Stunden zu parken. Die Ankunftszeit muss sich aus der Einstellung einer Parkscheibe ergeben,
  • in ausgewiesenen verkehrsberuhigten Bereichen außerhalb der markierten Parkstände - soweit der übrige Verkehr, insbesondere der fließende Verkehr, nicht unverhältnismäßig beeinträchtigt wird - zu parken, sofern in zumutbarer Entfernung keine andere Parkmöglichkeit besteht,
  • Die höchstzulässige Parkzeit beträgt – wenn nicht anders angegeben – 24 Stunden.

Menschen mit weniger starken Behinderungen können eventuell den orangefarbenen Parkausweis beantragen. Der berechtigt zwar zu bestimmten Parkerleichterungen. Aber die Behindertenparkplätze mit dem Rollstuhlfahrersymbol darf man damit nicht benutzen.

 

3.3 Die Macht der Psyche: Bewältigung und Depressionen

Ein paar Wochen nach der Entlassung aus der stationären Reha kommt ganz allmählich Routine in das neue Leben im Rollstuhl. Zu diesem Zeitpunkt hat man einige grundlegende Dinge erledigt, wie sie im vorherigen Kapitel beschrieben sind. Spätestens jetzt hat man allzu viel Zeit zum Grübeln. Darüber, dass man zum Pflegefall geworden ist. Dass das alte Leben wohl endgültig Vergangenheit ist. Über verpasste Chancen. Über die Hoffnung auf Erlösung aus dieser Situation. Man schreckt bei irgendeiner Tätigkeit plötzlich hoch und fragt sich: »Bin ich das wirklich?« Man beginnt zu unterscheiden zwischen dem Ich und dem kläglich versagenden Körper. Das Selbstvertrauen ist erschüttert. Man fragt sich: »Warum trifft es ausgerechnet mich?« Manche Behinderte ziehen sich ganz zurück. Verbringen ihre Tage nur noch vor dem Fernseher. Suchen Trost in allzu viel Alkohol. Vernachlässigen sogar ihre Therapien. Es können sich krankhafte Depressionen entwickeln. Selbstmord-Gedanken. Der Mensch ist als Ganzes erschüttert. Die negativen Gedanken verursachen oft weitere körperliche Veränderungen: Die Abwehrkräfte nehmen ab, man fühlt sich zunehmend unwohl und verliert vollends jede Hoffnung.
    Und dann, plötzlich oder allmählich, kommt eine Phase kämpferischer Zuversicht. Man freut sich über Dinge, die man noch oder wieder tun und erleben kann: Essen, Trinken, Sex, Denken, die Natur erleben, gute Bücher lesen, Freunde treffen ... Die Lebensfreude kehrt langsam zurück. Man lernt, seine körperliche Beeinträchtigung zu akzeptieren. Die meisten Behinderten leben gerne und bezeichnen sich sogar als glücklich. Empfinden Lebensqualität und Lebenslust. Allerdings meistens erst, nachdem einige Zeit vergangen ist.

Je nach Art der Behinderung und je nach Charakter oder Geisteszustand verläuft die psychische Bewältigung (Coping) der Behinderung sehr unterschiedlich. Auch das soziale Umfeld und die psychologische Betreuung beeinflussen den Verlauf. Die psychische Bewältigung verläuft meistens in Phasen, die sich bei vielen Betroffenen ähneln. Idealtypisch unterscheidet man folgende Phasen bei der Bewältigung einer Behinderung, Krankheit, Krebsdiagnose usw. (Phasenmodell)(1)(2):

  • In der ersten Schock-Phase ignoriert und verleugnet man häufig die Krankheit: Man will es einfach nicht wahrhaben. Ist fassungslos und wütend. Man weigert sich, die Realität anzuerkennen und macht sich völlig unrealistische Hoffnungen auf Heilung.
  • Man wird von negativen Gefühlen und Trauer übermannt: Die Gedanken kreisen vorwiegend darum, was man zukünftig nicht mehr tun kann. Man sieht nur den Verlust, die Beeinträchtigung, die Hilflosigkeit. Man ist niedergeschlagen, verzweifelt, teilweise aggressiv und voller Selbstmitleid. Sieht den eigenen Körper nur noch als Feind an, der dem Ich den Dienst versagt.
  • Übergangsstadium mit teilweiser Akzeptanz: Man akzeptiert allmählich, dass das alte Leben unwiederbringlich vorbei ist. Empfindet natürlich noch Trauer, Bedauern und Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Aber die tiefe Verzweiflung ist überwunden. Der Blick ist nach vorn gerichtet. Zuversichtlich macht man das Beste aus seiner Situation. Nimmt sich vor, noch viel Schönes zu erleben. Setzt sich Ziele. Man geht den ersten Schritt für einen Neuanfang.
  • Völliges Annehmen der Lebenssituation als Behinderter. Seelische Ausgeglichenheit. Neue Lebensfreude.

Dieser Prozess verläuft natürlich bei jedem Menschen anders und kann fünf Jahre oder länger dauern. Nicht jeder schafft es, diese Bewältigungs-Phasen so zu durchleben, dass man am Ende ein gelassener und ausgeglichener Mensch ist. Manche bleiben stecken in der Phase der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Oder man erleidet einen Rückfall, oft ausgelöst durch ein emotional belastendes Ereignis, wie Krankheit oder Tod eines Angehörigen. Auch die vielen frustrierenden Mühsale des Alltags im Rollstuhl können die Stimmung vermiesen und führen manchmal zur Frage: »Wofür noch die ganze Mühe?«. Dennoch: Viele Behinderte können ihre Krankheit erfolgreich verarbeiten und sind schließlich zufrieden mit ihrem Leben.
    Psychologische Betreuung ist in vielen Fällen sehr hilfreich und kann den Prozess der Bewältigung in die richtigen Bahnen lenken. Auch Entspannungsübungen und Meditation können die Psyche positiv beeinflussen (siehe Kapitel 2.2.2).

Ein Schlaganfall hat tiefgreifende psychische Folgen und es kommt häufig zu psychischen Folgeerkrankungen und Wesensveränderungen. Mindestens ein Drittel der Schlaganfall-Patienten erkrankt an einer Depression (Post-Schlaganfall-Depression, bzw. Post-Stroke-Depression – PSD)(3). Diese psychische Störung kann auch dann noch fortbestehen, wenn der Betroffene nach außen hin seine Krankheit scheinbar bewältigt und angenommen hat. Depressive Patienten sterben in den ersten zwei Jahren nach dem Schlaganfall doppelt so häufig wie Patienten ohne Depressions-Symptome. Auch sind sie oft stärker behindert. Das Risiko für die PSD ist besonders hoch bei weiblichem Geschlecht, höherem Alter, fehlender sozialer Unterstützung, geistiger Einschränkung sowie bei einer Depression bereits vor dem Schlaganfall. Möglicherweise wird der Ausbruch einer PSD durch eine entsprechende genetische Veranlagung begünstigt oder ausgelöst. Das ist noch nicht im Detail erforscht.
    Weinen und starke Traurigkeit sind Hinweise auf die beginnende Entwicklung einer PSD. Warnsignal für eine
Depression nach einem Schlaganfall ist auch die sogenannte Affektlabilität. Das ist eine mangelnde Kontrolle über Gefühlsäußerungen in bestimmten Situationen, bzw. nach auslösenden Reizen. Anzeichen: starke Betroffenheit in emotionalen Situationen, Schreckhaftigkeit und/oder Stimmungsschwankungen. Auch fehlendes Selbstvertrauen und/oder soziale Rückzugstendenzen können auf eine PSD hinweisen. Die Symptome einer Depression, bzw. von Affektlabilität lassen sich durch reine Willenskraft nicht oder kaum beeinflussen.
    Von der Affektlabilität zu unterscheiden ist die Affektinkontinenz. Sie ist gekennzeichnet durch grundloses, unvermitteltes (pathologisches) Lachen und/oder Weinen. Das passiert selbst dann, wenn das gar nicht zur gegenwärtigen Situation passt. Affektinkontinenz ist die direkte Folge einer hirnorganischen Schädigung in einem bestimmten Bereich des Gehirns (Capsula interna).

Auch Querschnittgelähmte und Amputierte werden durch den Unfall oder die Krankheit in eine tiefe Lebenskrise gestürzt. Dennoch erkranken sie merkwürdigerweise erheblich weniger an Depressionen als Patienten mit anderen neurologischen Störungen (Schlaganfall, Multiple Sklerose, Schädel-Hirn-Trauma). Dies weist darauf hin, dass die PSD keine psychologische Reaktion auf die erlittenen Funktionseinschränkungen ist, sondern dass in erster Linie biologische Faktoren zur Entwicklung einer PSD führen.

Depressionen, Affektlabilität und Affektinkontinenz nach einem Schlaganfall werden meist mit Medikamenten (Antidepressiva) behandelt: Besonders häufig werden Arzneien aus der Medikamenten-Gruppe der SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitors)(4) verordnet. In Deutschland bekannte Handelsnamen: Cipralex, Fluctin, Fluxet u.a. Diese Medikamente sorgen für eine Vermehrung des Botenstoffs Serotonin im Gehirn. Serotonin wird häufig als »Glückshormon« bezeichnet. Über die Nebenwirkungen der SSRI-Medikamente sollte man allerdings Bescheid wissen: Es wird berichtet, dass schon eine Tablette dazu führen könne, dass Männer und Frauen nur noch eingeschränkt fähig sind, einen Orgasmus zu bekommen (Hyporgasmie)(5). Deshalb nehmen manche jüngeren Männer SSRI-Medikamente ein, wenn sie ihren Orgasmus verzögern, also länger »können« möchten. Außerdem können diese Medikamente die sexuelle Lust verringern. Diese Nebenwirkungen können auch nach dem Absetzen des Medikaments noch anhalten. Es gibt wohl keine geeigneten Ausweich-Medikamente ohne die Gefahr von sexuellen Funktionsstörungen. Man muss abwägen, ob man diese und andere Nebenwirkungen von Antidepressiva in Kauf nehmen will oder muss.
    Es gibt Hinweise darauf, dass SSRI-Medikamente die Wirkung von Rehabilitations-Therapien verbessern (neuroprotektive Wirkung). Es scheint so zu sein, dass die Einnahme hilft, Lähmungen zu bekämpfen (6).
Dies konnte bislang allerdings nur in Tierversuchen nachgewiesen werden. Möglicherweise erhält man in Zukunft während der Reha SSRI-Medikamente, um die Therapie zu unterstützen – unabhängig davon, ob der Patient eine Depression hat oder nicht.
    Man sollte wissen, dass Psychopharmaka in Deutschland die umsatzstärkste Medikamentengruppe sind. Das ist ein Milliarden-Markt. Die Industrie hat ein starkes Interesse, diese Medikamente einzusetzen. So werden sie oft unnötig verschrieben. Aber es geht möglicherweise auch ohne das Schlucken schädlicher Tabletten:

Eine neurologisch bedingte Depression lässt sich eventuell mit einer Kombination aus Tryptophan, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren (Fischöl) bekämpfen. Ganz ohne Chemie und normalerweise ohne irgendwelche Nebenwirkungen.
    Der wichtigste natürliche Vitalstoff gegen jede Art von
Depression ist die Aminosäure Tryptophan (7). Der Körper bildet mit dessen Hilfe das »Glückshormon« Serotonin. Es wirkt also ähnlich wie SSRI-Medikamente, nur ganz ohne schädliche Chemie. Aber, gleichgültig ob Serotonin mit Medikamenten oder mit Tryptophan gebildet wird: Der Botenstoff Serotonin soll Spastiken verstärken (8). Weitere Wirkungen von Serotonin: Dieses Hormon fördert die Darmtätigkeit und hemmt die Sexualfunktionen (9). Tryptophan-Kapseln sind erhältlich in der örtlichen Apotheke, preiswerter in einer Internet-Apotheke (z.B. www.medikamente-per-klick.de) oder beim Internet-Kaufhaus www.amazon.de. Auch auf eBay findet man Versandhändler, die sich auf Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert haben.
    Vitamin D
ist ein Vitalstoff, der unter anderem gegen PSD helfen kann (10). Nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern fast alle Deutschen leiden unter Vitamin-D-Mangel, vor allem im Winter, bei wenig Sonnenschein. Vitamin D wird durch Sonnenlicht gebildet. Aber welcher Rolli-Fahrer kommt schon täglich eine Stunde mit freiem Oberkörper an die Sonne? Außerdem behindert Sonnencreme die Bildung von Vitamin D. Gegen Depression hilft es nur in hoher Dosierung. Produkte aus dem Regal von Drogeriemärkten sind da ungeeignet. Rezeptfrei erhält man z.B. Dekristol 4.000 I.E. Tabletten. 90 Tagesrationen kosten in einer Internet-Apotheke ca. 17,- Euro. Auch bei Amazon ist es erhältlich. Diese Ausgabe lohnt sich auf jeden Fall. Die Krankenkasse übernimmt das nur, wenn der Arzt mit einem Bluttest einen Vitamin-D-Mangel nachgewiesen hat. Es sind keine schädlichen Nebenwirkungen von Vitamin D bekannt.
    Auch Omega-3-Fettsäuren sollen gegen Depressionen helfen (11). Diese mehrfach ungesättigten Fettsäuren schützen zudem die Blutbahnen, Herz und Hirn. Sie senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen enorm. Damit gehören auch Omega-3-Kapseln zu den unverzichtbaren Nahrungsergänzungsmitteln – ob mit oder ohne Depression. Diese Wirkungen sind durch Studien nachgewiesen und sind seit langem allgemein anerkannt. Deshalb quälten schon früher viele Eltern ihre Kinder mit Lebertran.
    Günstiger als in der Apotheke ist der Kauf bei Amazon. Omega-3-Fettsäuren sind auch in bestimmten Lebensmitteln enthalten, zum Beispiel in Hering.

Weitere Informationen über diese und andere Vitalstoffe in Kapitel 3.13.

Untersuchungen zeigen, dass die PSD meistens von einem niedrigen Spiegel des Botenstoffs Dopamin begleitet wird (12). Den kann der Patient offensichtlich selbst beeinflussen: mit eiweißreicher Ernährung, Ausdauersport und konsequentem Gedächtnistraining. Auch das kann dazu beitragen, die PSD zu mildern.

Eine wichtige Maßnahme gegen Depression: Bewegung. Bei körperlich gesunden Menschen soll Ausdauersport stimmungsaufhellend wirken und Depressionen mildern – oder deren Ausbruch zu verhindern (13). Im Rollstuhl ist Sport ja nur bedingt möglich. Auf jeden Fall ist es klug, sich so viel wie möglich zu bewegen. Wenigstens sollte man täglich am Bewegungstrainer treten und kurbeln. Magnesium unterstützt die positive Wirkung von Bewegung auf Körper und Psyche.

Übergewicht scheint Depressionen zu verstärken. Neben Bewegung spielt hier natürlich die Ernährung eine entscheidende Rolle. Siehe Kapitel 3.10. Menschen mit Übergewicht, aber auch mit chronische Entzündungen (z.B. Rheuma) werden häufig von Stimmungsschwankungen geplagt. Beispiel: die berühmten Fress-Attacken. Das sind meistens noch keine Depressionen. Das ist auch nicht immer nur psychisch bedingt, sondern kann auf einen Mangel an körpereigenem Tryptophan hinweisen.

 

3.4 Langfristig benötigte Hilfsmittel

In Kapitel 2.4.5 wurde zum Thema Hilfsmittel bereits einiges gesagt. Auch zum Hilfsmittelverzeichnis der gesetzl. Krankenkassen (GKV). Denn einige Basis-Hilfsmittel müssen bereits zum Zeitpunkt der Entlassung aus der Reha zuhause vorhanden sein. Hier, in Kapitel 3, geht es jetzt um langfristig benötigte Hilfsmittel, für deren Auswahl man sich Zeit nehmen sollte. Sorgfältige Produktvergleiche sind unerlässlich. Es gibt unzählige Hilfsmittel, die Behinderten das Leben erleichtern, bzw. ermöglichen. Es gibt Hilfsmittel für den Alltag, die Schule, den Arbeitsplatz und die Therapie. Einen umfassenden Über-blick gibt die informative Website www.rehadat-hilfsmittel.de. Einige wichtige Hilfsmittel werden nachfolgend vorgestellt.

3.4.1 Rollstuhl

Rollstühle sind Hilfsmittel, mit denen man seine Mobilität wiedererlangt – zumindest teilweise. Man wird damit wieder ein Stück unabhängig und selbständig. Wie bereits angesprochen, sollte man seinen persönlichen Rollstuhl (»Rolli«) sehr sorgfältig auswählen. Fachberater informieren leider nicht immer umfassend. Das kann man nicht oft genug betonen. Im deutschen GKV-Hilfsmittelverzeichnis sind Hunderte von verschiedenen Rolli-Modellen aufgelistet. Es gibt die unterschiedlichsten Typen mit einer Vielzahl von Funktionen und Eigenschaften. Folgende Fragen sollte man sich bei der Vorauswahl beantworten:

• Für welchen Einsatzbereich ist der Rolli vorgesehen?
• Welche genauen Anforderungen muss er erfüllen?
• Über welche Einstellmöglichkeiten sollte er verfügen?
• Welches Zubehör zu welchem Zweck wird benötigt?

Im Hilfsmittelverzeichnis sind die Rollis nach ihrem Anwendungsort in fünf Hauptgruppen eingeteilt (14):

Produktgruppe 18: Kranken-/Behindertenfahrzeuge
• Innenraum
• Innenraum und Außenbereich/Straßenverkehr
• Straßenverkehr
• Treppen
• Ohne speziellen Anwendungsort/Zusätze

Innerhalb der Gliederung nach dem Einsatzort gibt es jeweils zwei Basis-Varianten: Rollis für den Handbetrieb (manuelle Rollstühle) und Elektrorollstühle (»E-Rolli«). Abgesehen von dem, was man allgemein unter Rollstühlen versteht, enthält das Verzeichnis auch spezielle Geräte, wie Treppensteiggeräte, Elektromobile (Scooter), Toilettenstühle usw.

Damit man den einen, richtigen Rollstuhl findet, ist eine systematische Vorgehensweise nötig. Natürlich ist immer eine intensive Beratung durch geschultes Fachpersonal nötig. Aber es ist klug, wenn man selber auch Bescheid weiß.
    Es kommt auch vor, dass es den einen, passenden Rollstuhl gar nicht gibt – weil verschiedene Anforderungen und Verwendungszwecke nicht mit einem einzigen Gerät erfüllt werden können. Ein Rolli für beengte Platzverhältnisse zu Hause sieht zum Beispiel anders aus als ein Rolli für unwegsames Gelände im Außenbereich. Möglicherweise benötigt man für verschiedene Aktivitäten mehrere Geräte.

»Kann ich den Rollstuhl von Hand bewegen oder brauche ich einen elektrischen Antrieb?« Das ist eine erste wichtige Entscheidung auf dem Weg zum richtigen Rollstuhl. Die Antriebsart ist natürlich abhängig von der Art der Behinderung und auch vom gewünschten Einsatzzweck. Es gibt drei Antriebsarten: manuelle Rollis mit Greifreifen, manuelle Rollis mit elektrischem Zusatzantrieb und E-Rollis. In vielen Fällen braucht man beides, einen manuellen und einen elektrischen Rolli. Denn die manuellen sind zwar klein, handlich und wendig im Alltag. Aber für längere Strecken brauchen Selbstfahrer viel Kraft und Kondition.
    Für besondere Zwecke und Anforderungen benötigt man spezielle Modelle: Rollis für Kinder, Faltrollis für den Transport im Kofferraum, wendige und kippsichere Sportrollis, E-Rollis mit Allrad-Antrieb fürs Gelände usw.

Bei den manuellen Rollstühlen werden folgende Typen unterschieden:

10Der Standard-Rollstuhl ist relativ niedrig im Preis. Er ist ziemlich schwer und hat keine besonderen Funktionen. Er dient der Grundversorgung für die nicht dauerhafte Benutzung und wird oft verwendet für die vorübergehende Nutzung durch wechselnde Benutzer, z.B. in der Reha, auf Flughäfen usw.

Der faltbare Leichtgewichtsrollstuhl ist im Prinzip ein Standard-Rollstuhl. Nur eben leichter und für den Transport im Auto geeignet. Solche Rollis werden von der Krankenkasse gerne genehmigt. Manche unerfahrenen Benutzer werden mit diesem recht preiswerten Hilfsmittel versorgt. Die Standardvariante des Leichtgewichtsrollstuhls eignet sich aber nur bedingt für Selbstfahrer, die den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen. Er ist eher geeignet für Patienten, die noch eingeschränkt gehfähig sind und den Rolli nicht permanent brauchen. Oder als Ergänzung zu einem E-Rolli. Wegen der Ausstattungsmöglichkeiten kann ein Leichtgewichtsrollstuhl an unterschiedliche Krankheitsbilder, Behinderungen und Beeinträchtigungen angepasst werden. Wenn man die Versorgung mit einem solchen Billig-Rolli ablehnt, muss man das gegenüber der GKV medizinisch begründen, z.B. wenn auf die Dauer kein beschwerdefreies Sitzen möglich ist.11

Der Multifunktionsrollstuhl ist so einstellbar, dass er auch an Menschen mit schwerster Behinderung angepasst werden kann. Die vielfältigen Ausstattungsvarianten und Einstellmöglichkeiten erleichtern die Mobilisierung des Patienten, die Stabilisierung der Sitzposition, einen Positionswechsel usw. Der Multifunktionsrollstuhl wird auch als Pflegerollstuhl bezeichnet.

12Der Adaptivrollstuhl (auch Aktivrollstuhl genannt) ist der perfekte Alltagsrollstuhl für Behinderte, die stabil sitzen können. Also vor allem für Querschnittgelähmte mit völlig beweglichem Oberkörper. Adaptivrollstühle gibt es in verschiedenen Ausführungen, mit vielfältigen Anpassungsmöglichkeiten. Faltbar oder mit stabilem Starrrahmen. Sie sind leicht, kompakt, sehr wendig und individuell anpassbar. Damit sie nicht so leicht umkippen sind die Räder meistens etwas schräg angebracht, so dass sie unten weiter auseinanderstehen (negativer Sturz). Geübte Benutzer können mit solchen Rollis enorm beweglich sein. Einige Modelle sind beinahe schon Sportrollis.

14Sportrollstühle sind besondere, kippsichere Konstruktionen. Es gibt sie für verschiedene Sportarten.

Kinderrollstühle sind besonders schmal und durch die unten weit auseinanderstehenden Räder gegen seitliches Umkippen geschützt. Auch hier gibt es die verschiedensten Modelle.

Viele manuelle Rollstühle können mit elektrischen, hand- oder pedalbetriebenen Zusatzantrieben ausgerüstet werden. Je nach Verwendungszweck gibt es die verschiedensten Konstruktionen.13

Elektrische Rollstühle heißen im Behördendeutsch Krankenfahrstühle. Ein Krankenfahrstuhl ist laut Gesetz (§4 Abs. 1 Satz 2 FeVändV) wie folgt definiert:

• durch die Bauart zum Gebrauch von körperlich gebrechlichen oder behinderten Personen bestimmt
• mit einer durch die Bauart bestimmten Höchstgeschwindigkeit von nicht mehr als 15 km/h
• mit Elektroantrieb
• hat nicht mehr als einen Sitz
• mit einem Leergewicht von nicht mehr als 300 kg einschließlich Batterien aber ohne Fahrer
• mit einer zulässigen Gesamtmasse von 500 kg (inkl. Fahrer)
• einer Breite über alles von max. 110 cm
• mit einer Heckmarkierungstafel nach ECE-R 69 oben an der Rückseite des Fahrzeugs (orangenes Warndreieck)

Diese Bestimmungen betreffen die Verwendung des E-Rollis im Straßenverkehr. Wer nicht auf öffentlichen Straßen fährt, der muss auf verkehrsrechtliche Bestimmungen natürlich nicht achten.

Auch von elektrischen Rollstühlen gibt es verschiedene Grund-Typen:

E-Rollis für den Innenraum sind einfache, relativ schwere Stahlrohr-Konstruktionen. Wichtigste Eigenschaft ist ihre Wendigkeit in der Wohnung, eventuell aber auch die Anpassmöglichkeiten der Sitzeinheiten (z.B. eine elektrisch verstellbare Rückenlehne). Diese E-Rollis erreichen 6 km/h Höchstgeschwindigkeit und lassen sich nur mit Mühe von Hand schieben. In einigen Fällen ist es sinnvoller, einen manuellen Rollstuhl mit elektrischem Zusatzantrieb zu verwenden. Der ist in der Wohnung wesentlich leichter handhabbar als ein richtiger E-Rolli.

15Die meisten Behinderten verwenden einen Kombi-Rollstuhl für den Innenraum und den Außenbereich. Er ist relativ wendig in der Wohnung aber auch robust genug für Straße und Garten. Kombi-Rollstühle haben Vorder- oder Hinterradantrieb und sind manchmal auch gefedert. Die gesetzliche Krankenkasse bezahlt nur Rollis bis 6 km/h Höchstgeschwindigkeit. Die meisten Rollstuhl-Modelle sind aber auch in einer 10-km/h-Version erhältlich. Das schnellere Vorwärtskommen ist aber Privat-Vergnügen: Den Mehrpreis muss man normalerweise selbst bezahlen. E-Rollis über 6 km/h benötigen eine Betriebserlaubnis. Der Krankenfahrstuhl wird einmal, beim Hersteller oder Händler, vom TÜV abgenommen und bekommt eine Betriebserlaubnis als Krankenfahrstuhl (§18, Abs. 5 StVZO). Eine Zulassung, wie beim PKW, ist jedoch nicht erforderlich. Man braucht auch keinen Führerschein.
E-Rollis, die schneller als 6 km/h sind, unterliegen der Versicherungspflicht und benötigen ein Versicherungskennzeichen (Moped-Schild). Modelle bis 6 km/h sind von der Versicherungspflicht befreit. Aber auch mit den nicht versicherungspflichtigen Rollstühlen kann man einen Schaden verursachen. Der wird von der normalen Privathaftpflichtversicherung bezahlt, wenn man den Rolli mit in den Versicherungsvertrag aufgenommen hat. Krankenfahrstühle dürfen überall dort, wo Fußgängerverkehr zulässig ist, mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden (§24, Abs. 2, StVO). Ansonsten auch auf der Straße. Auf öffentlichen Straßen ist zudem eine Beleuchtungsanlage erforderlich, unabhängig von der Geschwindigkeit.

16Rollstühle für den Außenbereich sind bis zu 15 km/h schnell, haben ein gefedertes Fahrwerk und laufen stabil geradeaus. Man kann damit auch auf unebenen Feldwegen fahren, ohne extrem durchgeschüttelt zu werden. Niedrige Bordsteinkanten können überwunden werden. Bei der Benutzung öffentlicher Straßen gelten die oben genannten Bestimmungen.
Es gibt auch Spezialmodelle mit Allrad-Antrieb. Sie sind teilweise extrem geländetauglich, für Rollstuhlfahrer, die im Geist wilde Kerle geblieben sind. Sogar umgebaute Segways gibt es als Rolli für den Außenbereich. Die eignen sich allerdings nur für Behinderte mit völlig stabilem Oberkörper.

Auch bei den E-Rollis gibt es spezielle Modelle für Kinder. Außerdem für besondere Anforderungen, wie z.B. das Treppensteigen. Zudem gibt es Alternativen zur üblichen Steuerung per Hand.

17Es gibt bei E-Rollis erhebliche Qualitätsunterschiede. Dies betrifft nicht nur die Sitzsysteme. Die Hersteller stehen alle unter Kostendruck und sparen, wo sie können. Wie sich mindere Qualität auf die Alltagstauglichkeit auswirkt, lässt sich im Voraus nur ganz schwer beurteilen. Da muss man schon das Kleingedruckte lesen: Wenn beispielsweise ein Hersteller vorgibt, dass man nur Steigungen befahren darf, die nicht steiler sind als klägliche 11% (z.B. Meyra MC3), dann kann man davon ausgehen, dass die Motoren wenig robust sind. Die Rollis des Schweizer Herstellers SKS-Rehab sind dagegen für Steigungen bis 20% zugelassen (www.sks-rehab.ch). Freilich ist auch der Preisunterschied enorm. Manche Hersteller bieten coole Designs und Farben an und lenken damit eventuell von Qualitäts-Defiziten ab.
    Viele E-Rollis sind standardmäßig mit den allereinfachsten Sitzen ausgerüstet. Auf die Sitzplatte wird oft nur ein einfaches Schaumstoffkissen gelegt und die Lehne hat eine Tuchbespannung wie ein Campingstuhl. Hier muss man sich genau informieren. Beschwerdefreies Sitzen ist extrem wichtig, wenn man jeden Tag viele Stunden im Rollstuhl sitzt. Möglicherweise benötigt man ein spezielles Anti-Dekubitus-Sitzkissen, das eine optimale Druckverteilung ermöglicht und Stöße besser absorbiert. Gute Sitze und Lehnen lassen sich für praktisch alle E-Rollis bestellen und notfalls auch noch nachträglich montieren.
    Ein weiteres Thema: E-Rollis können mit den verschiedensten Zusatzfunktionen ausgerüstet werden. Sie können damit an praktisch jede Art von Behinderung angepasst werden und tragen bei zu einem beschwerdefreien Sitzen. Wichtige Zusatzfunktionen sind die Verstellmöglichkeiten der Sitzgeometrie: die Sitzwinkelverstellung
(Sitz-Kantelung) und die Rückenwinkelverstellung (verstellbare Lehne). Die Sitzkantelung ist die Änderung des Winkels der Sitzplatte, die vorn nach oben gekippt werden kann. Die elektrisch verstellbare Lehne ermöglicht ein fast flaches Liegen. Diese Verstellmöglichkeiten sind sehr hilfreich. Sie erlauben gelegentliche Lageveränderungen, was Probleme vermeidet, die durch immer gleiche Belastung entstehen. Viele Rollstuhlfahrer kämpfen früher oder später mit Rückenproblemen und/oder mit Dekubitus. Die elektrische Sitzkantelung sorgt auch dafür, dass der Sitz beim Bergabfahren waagerecht bleibt. Je nach Modell funktionieren diese Verstellmöglichkeiten manuell oder elektrisch. Davon profitieren natürlich in erster Linie Tetraplegiker, die am ganzen Körper betroffen sind. Weitere elektrische Verstellmöglichkeiten sind: Sitzhöhenverstellung und höhenverstellbare Fußstützen.

Bei gesetzlich Krankenversicherten läuft der Versorgungsprozess für einen Rollstuhl wie folgt ab:

• Rezeptaussstellung: Der Arzt stellt ein Rezept aus. Darin sollten alle medizinisch notwendigen Ausstattungsmerkmale aufgelistet sein.
• Als Nächstes muss man ein von der jeweiligen Krankenkasse zugelassenes Sanitätshaus damit beauftragen, einen Kostenvoranschlag an die Kasse zu senden. Damit beginnt das Genehmigungsverfahren.
• Der Kostenträger beauftragt eventuell den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) mit der Überprüfung von Notwendigkeit, Art, Umfang und Dauer der beantragten Hilfsmittel-Versorgung.
• Wenn alles glattgeht, wird der Rolli dann vom Sanitätshaus geliefert und individuell angepasst.

Die Krankenkassen bezahlen generell nur die medizinisch notwendige »Basisversorgung«. Das »Maß des Notwendigen« darf nicht überschritten werden. Den Aufpreis für medizinisch nicht notwendige Zusatzausstattungen muss man eventuell selbst bezahlen. Dafür sollte man mehrere Angebote einholen, denn die Preisunterschiede können enorm sein.

Weitere Infos: www.rollstuhratgeber.de und www.rollstuhlcheck.net

3.4.2 Hilfen für den Transfer zwischen Rollstuhl, Bett und Toilette

Die meisten Rollstuhlfahrer brauchen mehr oder weniger Unterstützung beim Umsteigen (Transfer) zwischen Rollstuhl, Bett und Toilette. Abhängig von Art und Grad der Behinderung können verschiedene Hilfsmittel verwendet werden, die den Transfer ermöglichen, bzw. erleichtern und die Pflegepersonen entlasten.

Eine einfache Hilfe ist das Rutschbrett. Das Rutschbrett ist ein flaches Brett aus Holz oder aus Kunststoff mit einer sehr glatten Oberfläche. Darauf kann der Patient wie auf einer Brücke z.B. vom Bett auf den gleich hohen Roll- oder Toilettenstuhl rutschen. Es wird verwendet, wenn kurzfristiges Stehen nicht mehr möglich ist. Das funktioniert aber nur, wenn man stabil sitzen und beim Rutschen selber mithelfen kann.

Wenn die Beine noch eine Restfunktion haben, kann man den Patienten in eine kurzfristige Stehposition hochheben und dann im Stand drehen. Eventuell kann man dabei unter die Füße eine Drehscheibe legen. Dieser stehende Transfer erfordert aber geübte Pflegekräfte, die rückenschonende Techniken beherrschen und die genau wissen, wo und wie man anpacken muss.

Stärker betroffene Patienten können mit einem Patientenlifter angehoben werden. Lifter sind kleine Kräne, die entweder frei stehen oder fest an der Wand oder an einer Deckenschiene montiert sind. Es gibt viele verschiedene Modelle, die elektrisch oder von Hand betrieben werden. Der Patient sitzt während des Anhebens in einem Sitz aus Tuch, Gurten und/oder Stahlrohr.
   
Wenn in den Beinen noch Kräfte vorhanden sind, dann genügt eventuell eine elektrisch oder manuell betriebene Aufstehhilfe (Aufrichtlifter oder Aktivlifter).

Wenn der Patient im Bett bewegt werden muss, dann können dafür verschiedene Arten von Gleitmatten benutzt werden.

3.4.3 Lagern und Umlagern im Bett

Wer sich im Bett nicht mehr selber umdrehen kann, der muss »gelagert« werden. Das heißt, man muss den Patienten in eine angenehme, beschwerdefreie Schlafposition bringen. Normalerweise wird man zum Schlafen in eine mehr oder weniger steile Seitenlage gedreht. Auch für diese Pflegearbeit gibt es Hilfsmittel. Die zwei wichtigsten sind Lagerungskissen und Rutschtuch. Das Rutschtuch liegt auf Matratze und Leintuch, direkt unter Po und Schulter des Patienten. Meistens ist es auf der Unterseite mit glatter Seide beschichtet, damit es ohne Reibung gleiten kann. Mit dem Rutschtuch wird der Patient ganz an den Bettrand gezogen und dann in die Seitenlage gedreht. Das lange, dicke und feste Lagerungskissen wird dann zwischen Schulter/Po und das heraufgezogene Bettgitter geschoben, damit der Patient Halt hat und stabil auf der Seite liegt. Unter Umständen sind in der Nacht zwei oder drei Lageveränderungen bzw. Seitenwechsel erforderlich. Das kann für pflegende Angehörige zur großen Belastung werden. Für besondere Anforderungen und Schädigungen gibt es Lagerungshilfen in jeder Form. In manchen Fällen muss man beim Lagern die Dekubitus- und/oder Spitzfuß-Vorsorge im Auge behalten.

3.4.4 Kommunikationshilfen

Die Kommunikation mit anderen Menschen ist ein soziales Grundbedürfnis. Sprechen ermöglicht nicht nur einen reibungslosen Tagesablauf, vor allem dann, wenn man auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Sprechen ist einfach auch ein Stück Lebensqualität. Das erkennt man erst, wenn man es nicht mehr kann. Etliche Behinderte mit neurologischen Schäden können nicht mehr oder nur leise und undeutlich sprechen (dysarthrische Patienten). Und/oder sie können wegen der Lähmung ihrer Hand keine Computer-Tastatur bedienen. Aber das Internet mit E-Mail, Online-Chat, Skype und Facebook/Twitter ist (nicht nur) für viele Behinderte ein wichtiges Tor zur Welt. Zur Beschaffung von Information und zur Pflege sozialer Kontakte. Entsprechende Hilfsmittel können die Lebensqualität erheblich steigern.

Es gibt Hilfsmittel, die das Bedienen eines Computers ohne Hände ermöglichen: Augensteuerung und/oder Stirnmaus. Meistens in Verbindung mit einer Software, welche die Tastatur auf dem Bildschirm anzeigt (Bildschirmtastatur). Andere Hilfsmittel erleichtern die Bedienung mit nur einer Hand. Es gibt spezielle Tastaturen, die man auch mit eingeschränkter Hand-Funktion bedienen kann. Nicht immer braucht man spezielle Geräte: Auch normale Computer mit dem Windows-Betriebssystem können für Behinderte optimiert werden. Im Start-Menü findet man die Systemsteuerung (Windows 10: Einstellungen). Dort findet man die Überschrift »Erleichterte Bedienung«. Da befinden sich einige nützliche Einstellungsmöglichkeiten. Zum Beispiel die Einrastfunktion der Tastatur. Damit müssen (Umschalt-) Tasten nicht mehr gleichzeitig gedrückt werden, sondern nacheinander mit einer Hand bzw. einem Finger.

20Wenn fehlendes Sprechvermögen durch Hilfsmittel ergänzt oder ersetzt wird, dann spricht man von unterstützter Kommunikation (UK). Beispiele für solche Hilfsmittel sind:

Ein Computer-Programm zur Sprachausgabe wandelt geschriebenen Text um in gesprochene und damit hörbare Sprache. Man tippt also ein, was man sagen möchte. Der Computer »spricht« dann das Geschriebene. Wort für Wort oder ganze Textpassagen. Das funktioniert mit jedem normalen Computer/Laptop. Es gibt aber auch spezielle Geräte, Tastaturen oder Touch-Screens. Sie ermöglichen die Bedienung eventuell auch bei eingeschränkter Hand-Funktion und/oder geistiger Leistungsfähigkeit. Die Sprachausgabe am Computer ist sozusagen die elektronische Version der einfachen Buchstabentafel.

21Bei einigen Schlaganfall-Patienten ist auch der Gaumen bzw. das Gaumensegel (Velum) mehr oder weniger gelähmt. Nasenraum und Mundraum werden dann vom Gaumensegel nicht mehr ausreichend getrennt. Das heißt, die Ausatemluft bringt nicht oder unzureichend die Stimmbänder in Schwingung, sondern entweicht ungenutzt durch die Nase. In solchen Fällen kann eine Gaumensegel-Prothese (palatal lift) helfen. Das ist so eine Art Zahnspange mit einem elastischen Silikon-Fortsatz. Dieser hebt das gelähmte Gaumensegel an und verhindert so, dass beim Sprechen die Luft durch die Nase entweicht. Das Sprechen wird dadurch wieder verständlicher und weniger anstrengend. Dieses Hilfsmittel ist in Deutschland unter dem Namen Palatoflex bekannt. Es muss jeweils individuell angepasst werden.
    Info im Internet: www.palatoflex.com

22Wer nur leise und undeutlich reden kann, dem leistet eventuell ein Stimmverstärker nützliche Dienste. Diese Sprechhilfe ist ein kleines Gerät mit Mikrofon und eingebautem Lautsprecher. Damit wird leises Sprechen in der gewünschten Lautstärke wiedergegeben. Der Stimmverstärker wird häufig zusammen mit der Gaumensegel-Prothese verwendet. Dies erlaubt es womöglich, sich wieder aktiv an Gesprächsrunden zu beteiligen. Ein Stück wieder gewonnener Lebensqualität. Im Internet findet man Stimmverstärker in allen Preis- und Qualitätsklassen.

3.4.5 Alltagshilfen

Die Liste der Hilfsmittel, die Behinderten den Alltag erleichtern, ist lang.
    Zunächst muss man sich klarmachen, welche Tätigkeit man wieder selbständig verrichten will – und ob es Hilfsmittel gibt, die das ermöglichen oder unterstützen. Viele Hilfen gibt es beispielsweise für Menschen, die nur noch einen beweglichen Arm haben. Beispiele: das Einhand-Frühstücks- oder Schneidebrett oder der Einhand-Eierbecher, der mit Saugnäpfen auf dem Tisch fixiert wird. Es gibt Hilfsmittel fürs Essen, Trinken, Greifen, für die Körperpflege, für Küche und Haushalt, für das Pinkeln unterwegs und vieles mehr.
    Ein für Rolli-Fahrer wichtiges Hilfsmittel gibt es preiswert bei Amazon: das Knie-Tablett. Das auf der Unterseite gepolsterte Tablett ermöglicht den sicheren Transport von Geschirr usw. auf dem Schoß. Mit rutschfester Folie bedeckt ist das Knie-Tablett eine unentbehrliche Hilfe für den Alltag im Rolli.
    Info und Webshop für Alltagshilfen: www.alltagshilfen24.com

3.4.6 Versicherungen für Hilfsmittel

Hilfsmittel sind oft sehr teuer. Wenn sie beschädigt oder gestohlen werden, kommt die Frage auf, wer das bezahlt. Auch wenn man mit seinem Rollstuhl einen Schaden verursacht, kann das schnell sehr teuer werden. Es ist auf jeden Fall klug, sich über die notwendigen Versicherungen zu informieren. Jeder Fall ist anders. Deshalb kann man nicht generell sagen, welche Versicherungen sinnvoll sind. In vielen Fällen sind folgende zwei Versicherungen zu empfehlen:
    Die generell wichtigste Versicherung – nicht nur für Behinderte – ist die Privathaftpflichtversicherung. Sie bezahlt Schäden an fremdem Eigentum, die man selbst verursacht. Z.B. wenn man mit seinem Rolli an einem parkenden Auto den Lack verkratzt. Oder die angekratzte Türe in einem Hotelzimmer. Schäden durch den Rolli sind aber normalerweise nur versichert, wenn man den Rolli in den Versicherungs-Vertrag mit aufgenommen hat. Die normale Privathaftpflichtversicherung deckt nur Schäden durch E-Rollis mit bis zu 6 km/h Höchstgeschwindigkeit. Schnellere E-Rollis brauchen in Deutschland eine eigene Haftpflichtversicherung, also ein Versicherungskennzeichen (Moped-Schild). Wenn andere, fremde Leute ein Hilfsmittel beschädigen, dann muss das natürlich deren Privathaftpflichtversicherung bezahlen.
    Die Hausratversicherung ersetzt Schäden durch Feuer, Leitungswasser oder Diebstahl. Für teure Hilfsmittel ist die normale Versicherungssumme allerdings meistens zu gering. Z.B. einen E-Rolli sollte man ausdrücklich mit einer entsprechenden Versicherungssumme absichern. Außerdem muss man klären: Ersetzt die Versicherung nur Schäden durch Diebstahl mit Gewaltanwendung oder auch durch einfachen Diebstahl? Und: Auch am Urlaubsort / im Auto oder nur zuhause?
    Wenn man ein Hilfsmittel verliert oder selbst beschädigt, dann ist das normalerweise nicht durch eine Versicherung abgedeckt. Es gibt allerdings spezielle Wertsachenversicherungen, welche die Deckung der Hausratversicherung erweitern. Reparaturkosten werden aber in der Regel von der Krankenkasse übernommen.

 

3.5 Erforderliche Umbauten in der Wohnung, Zuschüsse und Finanzhilfen

Wenn man körperlich eingeschränkt aus der Reha nach Hause entlassen wird, dann ist die Wohnung bzw. das Haus selten perfekt behindertengerecht hergerichtet. Meistens muss man sich vorübergehend mit Provisorien behelfen. Siehe Kapitel 2.4.4. Manchmal stellt sich erst im Verlauf von Wochen heraus, mit welcher Art von Umbauten das Leben als Behinderter erleichtert wird. Außerdem erfordern Umbauten eine sorgfältige Planung und Vorbereitung. Auch das nimmt Zeit in Anspruch. Es müssen Fachfirmen gefunden und Angebote eingeholt werden. Vor Baubeginn müssen eventuell Zuschuss-Anträge gestellt und deren Genehmigung abgewartet werden. Bei Mietwohnungen muss natürlich der Vermieter in die Planung einbezogen werden.
    Häufig muss das Badezimmer behindertengerecht umgebaut werden. Das heißt in erster Linie, dass die Dusche barrierefrei befahrbar gemacht wird. Und/oder dass die Badewanne durch eine Dusche ersetzt wird. Auch Türschwellen und Stufen beim Zugang zum Haus und/oder Wohnung müssen häufig beseitigt werden.

Solche Umbauten sind teuer. Sie bringen etliche Familien an die finanzielle Belastungsgrenze. Oder sie sind einfach unerschwinglich. Behindert zu sein, ist ein privates Schicksal, für das man nicht die Allgemeinheit haftbar machen kann. Zum Glück leben wir aber in einer Gesellschaft, die Menschen in solchen Situationen nicht allein lässt. Nachfolgend werden die wichtigsten Finanzhilfen für behinderungsbedingte Umbauten vorgestellt:

Leistungen der Pflegekasse: Die Pflegekasse bezahlt einen Zuschuss für »Maßnahmen zur Verbesserung des individuellen Wohnumfeldes« des Pflegebedürftigen. Gefördert werden Umbaumaßnahmen, die die häusliche Pflege erleichtern und/oder die dem Pflegebedürftigen ein selbstständigeres Leben ermöglichen. Der MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) ist ja ohnehin im Haus, wenn der Pflegegrad festgelegt wird. Bei dieser Gelegenheit sollte man nicht nur absprechen, welche Hilfsmittel benötigt werden (z.B. ein Pflegebett). Auch die erforderlichen Umbaumaßnahmen in der Wohnung sollten gleich angesprochen werden – auch wenn sie noch nicht im Detail geplant sind. Es genügt schon, wenn man den MDK darauf hinweist, dass z.B. die Dusche befahrbar gemacht werden muss. Ansonsten, bzw. später, kann man den Zuschuss mit einem Kostenvoranschlag bei der Pflegekasse beantragen. Die Höhe des Zuschusses richtet sich nach den zu erwartenden Kosten und liegt bei einem Betrag von bis zu 4.000,- Euro pro Maßnahme. Seit Ende 2012 müssen Versicherte keinen Eigenanteil mehr bezahlen. Dabei ist es gleichgültig, in welchen Pflegegrad der Betroffene eingruppiert ist oder wird. Falls der Pflegebedürftige in eine andere, barrierefreie Wohnung umziehen muss, dann können auch die Umzugskosten von der Pflegekasse bezuschusst werden. Falls sich die Pflegesituation ändert und weitere Umbauten notwendig werden, kann erneut ein Zuschuss beantragt werden.

Fördermittel der Bundesländer: Es ist ein langer Weg, Gesetze und Bestimmungen innerhalb der EU zu vereinheitlichen. Noch schlimmer: Wir schaffen das nicht einmal innerhalb von Deutschland. Es hängt vom jeweiligen Bundesland ab, wie die Maßnahmen zur Schaffung von barrierefreiem Wohnraum gefördert werden. Die Vielfalt an Förderprogrammen ist unüberschaubar. Aber immerhin gibt es Förderung. Sie kann bestehen aus: (einkommensabhängigen) Zuschüssen, Bürgschaften, Zins-Zuschüssen und/oder Darlehen. Es gibt (in Bayern) auch die so genannten »leistungsfreien Darlehen«. Das sind Darlehen, die man nicht zurückzahlen muss, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Wahnsinn: 2014 gab es ca. 200 verschiedene Förderprogramme für Privatleute, Firmen und öffentliche Bauträger. Einen umfassenden Überblick findet man auf der Website www.barrierefreiheit.de.
    Die Fördermittel müssen normalerweise beim Landratsamt oder bei der kreisfreien Stadt beantragt werden. Auf jeden Fall erhält man dort Informationen, die weiterhelfen.

KfW-Darlehen und -Zuschüsse: Die KfW-Bank (Kreditanstalt für Wiederaufbau) ist die Förderbank von Bund und Ländern. Unter anderem fördert die KfW das barrierefreie Wohnen. Mit Stand 2018 gibt es dafür Kredite und Zuschüsse. (15)
   
Die für diesen Zweck vorgesehenen jährlichen Bundesmittel sind allerdings im Jahresverlauf häufig aufgebraucht. Da muss man sich rechtzeitig kümmern.
    Die Förderung durch die KfW kann bei allen Banken und Sparkassen beantragt werden. Wichtig ist, dass der Antrag vor Beginn des Bauvorhabens eingereicht wird. Info im Internet: www.kfw.de

Steuererleichterungen: Wer als Behinderter und/oder als gemeinsam veranlagter Familienangehöriger Steuern bezahlt, der freut sich über Abzugsmöglichkeiten (16). Behinderungsbedingte Umbaumaßnahmen können auf zwei Arten in der Einkommensteuererklärung geltend gemacht werden: als außergewöhnliche Belastung oder als steuerlich abzugsfähige Handwerkerleistung. Man muss jeweils prüfen, welche Abzugsart günstiger ist, bzw. in Frage kommt.

Grundsicherungsleistungen der Sozialhilfe: Wenn das Geld für die erforderlichen Umbauten nicht ausreicht, kann man sich an das Sozialamt wenden und eine Übernahme der Kosten beantragen. Für diese Sozialleistung gelten Einkommens- und Vermögensgrenzen wie beim ALG II (Hartz IV).

Viele Tipps und Infos rund um das barrierefreie Leben: www.online-wohn-beratung.de

Hersteller, Produkte und technische Infos: www.nullbarriere.de

 

3.6 Verhinderungs- und Kurzzeitpflege, Betreuungs und Entlastungsleistungen

Es gibt Leistungen der Pflegekasse, die von vielen Pflegebedürftigen gar nicht in Anspruch genommen werden. Aus Unwissenheit oder aus Angst vor dem damit verbundenen Papierkrieg. Dazu gehören die Verhinderungs- und Kurzzeitpflege sowie die Entlastungsleistungen. Dabei gibt es keinen Grund, Geld zu verschenken, das einem zusteht.

Wenn die häusliche Pflege (zumindest teilweise) von Angehörigen geleistet wird, dann stehen diese Pflegepersonen natürlich nicht ununterbrochen zur Verfügung. Die private Pflegekraft kann z.B. krank sein, hat etwas zu erledigen, fährt in den Urlaub und/oder möchte einmal pro Woche ein paar Stunden für sich allein haben. Oder der Betroffene und seine Pflegeperson (oft ist das die Ehefrau) sind gemeinsam im Urlaub und sie möchte einfach nur ausspannen. Damit der Pflegebedürftige bei Verhinderung der Pflegeperson weiterhin gut versorgt wird, kann die Verhinderungspflege (17) in Anspruch genommen werden (Pflegegrade 2 - 5). Sie wird auch genannt Pflegevertretung oder Ersatzpflege. Zur Bezahlung einer Ersatz-Pflegeperson stehen Pflegebedürftigen jährlich 1.612,- Euro zu. Eventuell kann sich dieser Betrag auf 2.418,- Euro erhöhen (siehe unten, beim Thema Kurzzeitpflege). Die Pflegekasse bezahlt bis zu sechs Wochen Ersatz-Pflegezeit pro Jahr. Die Ersatzpflege kann für den kompletten Zeitraum, wochenweise, tageweise oder stundenweise erfolgen. Es gibt in jedem Pflegegrad gleich viel Geld. Allerdings muss mindestens Pflgegrad 2 vorliegen und seit der Feststellung des Pflegegrads müssen mindestens 6 Monate vergangen sein, bevor man Verhinderungspflege in Anspruch nehmen kann. Wird der zu Pflegende ausschließlich über einen Pflegedienst betreut und nicht von den Angehörigen, dann können die Angehörigen keine Verhinderungspflege beantragen. Anspruch besteht aber, wenn neben den professionellen Pflegeeinsätzen ergänzend private Pflege erfolgt (Kombinationsleistung). Die Ersatz-Pflegeperson darf mit dem Pflegebedürftigen nicht verwandt sein (einschließlich 2. Verwandtschaftsgrad) oder mit ihm in häuslicher Gemeinschaft leben. Sonst ist die Kostenerstattung beschränkt auf den 1,5-fachen Betrag des Pflegegeldes des festgestellten Pflegegrads. Mit der Ersatzpflege kann man einen ambulanten Pflegedienst beauftragen, aber auch Nachbarn, Freunde usw. Gibt man Privatpersonen Geld für die Ersatzpflege, dann muss man diese (evtl. vorübergehend) bei der Minijob-Zentrale anmelden, damit das keine Schwarzarbeit ist und die Aushilfe versichert ist. Das geht unkompliziert im Internet (www.minijob-zentrale.de). Die Ersatz-Pflegekraft muss den Empfang des Geldes quittieren. Diese Quittung muss man dem Antrag auf Kosten-Erstattung für die Verhinderungspflege beilegen (»Bescheinigung über selbst beschaffte Ersatzpflege«). Den Antrag stellt man bei der Kranken-, bzw. Pflegekasse, die dafür Formulare bereithält.
    Ob man das Geld der Verhinderungspflege zusätzlich zum Pflegegeld, bzw. zu den Kombinationsleistungen erhält, oder ob das Pflegegeld entsprechend gekürzt wird, hängt ab vom erforderlichen Umfang der Ersatz-Betreuung, bzw. von der Abwesenheitsdauer der bisherigen Pflegeperson:
    Wenn täglich mehr als acht Stunden Ersatzpflege notwendig sind, dann wird
die Hälfte des bisher bezogenen Pflegegeldes für bis zu sechs Wochen im Jahr weiterbezahlt.
    Wer keine ununterbrochene Betreuung benötigt und weniger als acht Stunden pro Tag Ersatzpflege in Anspruch nimmt, dem wird das Pflegegeld nicht gekürzt. Diese Tage werden auch nicht von den möglichen sechs Wochen Verhinderungspflege abgezogen. In diesem Fall muss man unbedingt im Antrag »stundenweise« ankreuzen und die Betreuungs-Stunden genau angeben.
    Praxisbeispiel: Eine pflegende Ehefrau nimmt sich jede Woche einen halben Tag frei. Eine Nachbarin übernimmt in dieser Zeit die Betreuung des Pflegebedürftigen. Die Ehefrau muss während dieser Zeit nicht abwesend sein. Die Nachbarin wurde als Minijobberin angemeldet und erhält pro Stunde 12,- Euro (maximal 450,- pro Monat). Dieses Geld bezahlt man zunächst selbst und kann es sich jeden Monat von der Verhinderungspflege zurückerstatten lassen. Da die Ersatzpflege jeweils weniger als acht Stunden dauert, wird das normale Pflegegeld nicht gekürzt.

Ergänzend oder alternativ zur Verhinderungspflege gibt es die Möglichkeit, für einen begrenzten Zeitraum vollstationär in einem Pflegeheim aufgenommen zu werden. Die Kurzzeitpflege kann beantragt werden, wenn die häusliche Pflege zeitweise nicht oder nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden kann. Das können die gleichen Gründe sein wie für die Verhinderungspflege. Oder andere Gründe erfordern eine vorübergehende stationäre Pflege. Z.B. wenn sich eine Pflegebedürftigkeit unerwartet verschlimmert und umgehend sichergestellt werden soll, dass eine notwendig gewordene Pflege von Fachkräften durchgeführt wird oder wenn geklärt werden soll, ob eine stationäre Versorgung auf Dauer erforderlich ist. Manchmal muss auch Zeit überbrückt werden, bis ein geeigneter Dauer-Heimplatz gefunden ist.
Für bis zu acht Wochen stationärer Kurzzeitpflege bezahlt die Kasse 1.612,- Euro (bei Pflegegrad 2 - 5). Das Pflegegeld wird in dieser Zeit zur Hälfte weiterbezahlt.

Bis zu 50% des nicht verbrauchten Leistungsbetrags für die Kurzzeitpflege (das sind bis zu 806,- Euro) kann zusätzlich für Verhinderungspflege ausgegeben werden. Verhinderungspflege kann dadurch auf max. 150% des bisherigen Betrages ausgeweitet werden. Das sind dann insgesamt 2.418,- Euro pro Jahr.
    Anders herum kann der gesamte nicht verbrauchte Leistungsbetrag für Verhinderungspflege auch für die Kurzzeitpflege verwendet werden. Dadurch kann der Betrag für die Kurzzeitpflege bis zu verdoppelt werden.

Eine weitere Leistung der Pflegekasse sind »Zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen« Pflegebedürftige, die zu Hause gepflegt werden, können den Entlastungsbetrag in Anspruch nehmen. Dieser soll die Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen unterstützen, zum Beispiel zur Sicherstellung einer Betreuung im Alltag oder zur Unterstützung bei der hauswirtschaftlichen Versorgung oder der Organisation des Pflegealltags. Der Entlastungsbetrag ist für alle Pflegegrade gleich hoch: 125,- Euro monatlich. Der ambulante Pflegedienst kann die Beantragung übernehmen. Er erbringt dann auch die Entlastungsleistung, denn das Geld wird nicht einfach an den Pflegebedürftigen überwiesen.

Info auf www.pflegestufen.org

 

3.7 Assistenz und Persönliches Budget

Menschen mit Behinderung möchten natürlich weitgehend selbstständig und selbstbestimmt leben. Dies gelingt meistens nur mit entsprechender Unterstützung. Technische Hilfsmittel reichen dafür aber oft nicht aus. Für die Unterstützung im Alltag, am Arbeitsplatz und/oder bei der Freizeitgestaltung (»soziale Inklusion«) können persönliche Assistenten sorgen. Der Bedarf an Assistenz ist sehr unterschiedlich. Schwerstbehinderte brauchen womöglich rund um die Uhr Betreuung. Andere brauchen lediglich eine Begleitung, wenn sie ihre Wohnung verlassen wollen. Angehörigen kann man diese Arbeit auf Dauer kaum zumuten. Viele Behinderte sind deshalb auf die Hilfe von Assistenzkräften angewiesen. Das sind oft Angestellte bei einem Pflegedienst oder einer Behinderteneinrichtung. Sie kommen dann zu den vereinbarten Zeiten ins Haus. In vielen Fällen ist aber der Behinderte selbst Arbeitgeber für Assistenten, meist auf Minijob-Basis (»Arbeitgebermodell«).
    Zur Finanzierung der Assistenz gibt es verschiedene Wege. Wenn der ambulante Pflegedienst zusätzlich Assistenz-Aufgaben übernimmt, kann man das als Pflegesachleistung abrechnen, wenn dafür noch Geld übrig ist. Private Assistenzkräfte kann man eventuell mit dem Pflegegeld bezahlen oder mit dem Geld der Verhinderungspflege. Wer wenig Einkommen und Vermögen hat, der kann beim Sozialamt »Hilfe zur Teilhabe am Leben« beantragen. Es werden dann die Kosten für die Assistenz übernommen. Dann gelten aber dieselben Bestimmungen und Einschränkungen wie für andere Sozialhilfeempfänger (Hartz IV). Man darf also praktisch nichts mehr besitzen. Anders kann es aussehen, wenn man zur beruflichen Integration eine Arbeitsplatz-Assistenz benötigt. Die Arbeitsagentur, bzw. das Integrationsamt hat eigene Regeln für die Kostenübernahme. Ansonsten muss man seine Assistenz selbst bezahlen. Das kann man immerhin von der Steuer absetzen – entweder als »haushaltsnahe Dienstleistung« oder als »außergewöhnliche Belastung«.

Um das Verfahren der Finanzierung zu erleichtern gibt das sogenannte »trägerübergreifende Persönliche Budget«:
    Das Angebot an (Sach-) Leistungen der verschiedenen »Rehabilitationsträger« ist vielfältig und auch ziemlich unübersichtlich. Von Hilfsmitteln über Pflegesachleistungen und/oder Therapie-Stunden bis zur Alltags-, Arbeits- oder Freizeit-Assistenz gibt es jede Form der Unterstützung. Für behinderte Menschen mit Anspruch auf solche Leistungen gibt es eine Alternative zu den einzelnen Sachleistungen: das Persönliche Budget. Das ist eine pauschale Geldzuwendung in Höhe der gesamten bisherigen Dienst- oder Sachleistungen. Der Behinderte kann im Rahmen bestimmter Kriterien und Auflagen selbst entscheiden, wie, wo und wann er welche Dienstleistung oder Unterstützung in Anspruch nimmt und aus seinem Budget bezahlt. Für die Sachleistungen in der Pflege gibt es allerdings nur Gutscheine. Möglich sind auch Mischfinanzierungen aus Sach- und Budgetleistungen. Das Persönliche Budget bringt wieder ein bisschen mehr Selbstbestimmung und Eigenverantwortung (»selbstbestimmte Teilhabe«). Sich selbst zu organisieren ist auch ein Stück Lebensqualität. Mehr Geld als bisher sollte man aber nicht erwarten. Das Persönliche Budget lohnt sich vor allem für Menschen, denen das Sozialamt eine Assistenz bezahlt. Wer z.B. nur Pflege und Krankengymnastik von der Kasse bekommt, für den ist der normale Weg der Abrechnung meistens praktischer. Behinderte mit Persönlichem Budget sind also in vielen Fällen Sozialhilfeempfänger. Anträge auf Persönliche Budgets können bei einem der beteiligten Leistungsträgern gestellt werden, z.B. beim Sozialamt oder bei der Krankenkasse. In vielen Städten gibt es »Gemeinsame Servicestellen der Rehabilitationsträger«. Auch dort kann man sich informieren und den Antrag stellen. Die Adressen findet man auf www.reha-servicestellen.de

Weitere Info auf der Site des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales: www.budget.bmas.de

 

3.8 Maßnahmen gegen Spastik

Neben der Unfähigkeit zur Bewegung ist Spastik in den gelähmten Muskeln eines der Hauptprobleme nach einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS). Im klinischen Sprachgebrauch bezeichnet man Spastik auch als »Spastizität«, »spastisches Syndrom« oder »supramotoneurales Syndrom«. Der gewollte oder ungewollte Spannungszustand der Muskulatur wird allgemein auch als aktiver oder passiver Tonus bezeichnet. Spastik ist ein übersteigerter, krampf-artiger Muskeltonus.
    Bei ausgeprägten Lähmungen kann der Betroffene seine Muskeln nicht mehr willentlich verkürzen oder verlängern. Zunächst ist die Lähmung meistens schlaff, es gibt also keinerlei Muskelaktivität. Je intensiver man versucht, sich zu bewegen, desto mehr Spannung wird aufgebaut und desto verkrampfter und steifer wird man (Muskeleigenreflex). Diese Spastik entwickelt sich erst nach und nach. Der Grund dafür ist eine Fehlreaktion des Gehirns auf die Lähmung. Generell gibt es zwei Arten von Muskelbefehlen: »Bewegen« und »Halten«. Dafür sind jeweils unterschiedliche Nervenbahnen zuständig. Wenn das Bewegungskommando erfolglos bleibt, dann reagiert das Gehirn unwillkürlich mit übersteigerter Haltekraft, also mit Spastik. Dadurch bilden sich neue Nervenbahnen nur für die Haltekraft und nicht für die Kraft der Bewegung. Und es entstehen dabei kaum Übertragungswege für das Kommando »locker lassen«. Die Spastik wird also immer stärker. Die gewünschte Neubildung von Nervenbahnen für die Bewegung wird dadurch behindert. Die Therapie zur Rückbildung der Lähmung wird erschwert. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der Botenstoff (Neurotransmitter) Serotonin an der Entstehung von Spastik beteiligt ist (18).
    Nach einem Hirnschaden entsteht Spastik meist schon nach wenigen Tagen (
zentrale Spastik). Bei Schäden am Rückenmark dauert das länger und ist dann oft wesentlich stärker ausgeprägt als nach einem Hirnschaden (spinale Spastik). Bei beiden Formen entwickelt sich die Spastik über einen Zeitraum von einigen Wochen und kann noch nach Monaten stärker werden (19).
    Diese Vorgänge wirken sich auch auf die Muskeln selbst aus. Unter anderem können Verkalkungen in der Muskulatur entstehen (heterotope Ossifikation). Diese führen zu starken Schmerzen, welche die Spastik weiter verstärken.
    Auch bei schlaff gelähmten Muskeln ist meist noch ein unwillkürlicher Tonus vorhanden (reflektorischer Ruhetonus). Dieser kann beispielsweise den Arm in Beuge-Stellung ziehen. Das ist aber keine spastische Verspannung.

Spastiken entstehen also allein schon durch die Unbeweglichkeit des Muskels. Besonders am Morgen, nach dem Aufwachen, ist häufig der ganze Körper verspannt. Denn beim Schlafen werden die Muskeln ja nicht einmal passiv bewegt.
    Spastik kann aber auch jederzeit durch verschiedene Einflüsse ausgelöst werden: Jede Art von Anstrengung erhöht die Muskelspannung, eventuell auch an nicht beteiligten Körperteilen. Das Gleiche gilt für psychische Anspannung. Auch länger anhaltender Druck auf das Gewebe erregt die Nervenzellen. Das ist ein weiterer Grund, warum liegende Patienten öfter anders gelagert werden müssen. Häufig reicht schon ein Streichen über die Haut, um Spastik auszulösen, z.B. beim An- und Auskleiden. Schmerzen, Harndrang, Darmdruck und Gähnen führen ebenfalls zu einer Erhöhung der Muskelspannung. Zudem hat die Stellung des Kopfs Einfluss auf die Spastik. Ein Überdehnen des Nackens kann Muskelspannung auslösen und/oder lösen (Tonischer Nackenreflex). Wenn man den Kopf zur Seite dreht, kann das kurzfristig lösend wirken.
    Allerdings ist ein erträgliches Maß an schmerzloser Spastik nicht nur negativ: Spastik bringt Leben in die ansonsten bewegungslosen Muskeln. Das kann guttun, fördert die Durchblutung, verbrennt ordentlich Kalorien und bremst die Rückbildung von Muskelmasse. Außerdem kann Spastik die Kraft bringen, um kurzzeitig auf den Beinen zu stehen, vor allem beim Transfer vom und in den Rollstuhl.

Es gibt eine Reihe von mehr oder weniger wirksamen Maßnahmen gegen Spastik. Die Wichtigste: Bewegung! Krankengymnastik (Physiotherapie) trägt bei zur Vermeidung von Muskelverkürzung und eventuell zum Wiedererlernen von Bewegung durch repetitive (ständig wiederholte) Übungen. Aber zur Bekämpfung von übermäßiger Spastik reicht es bei weitem nicht aus, wenn man ein paar Mal pro Woche bei der Krankengymnastik durchbewegt wird. Hier leistet ein Bewegungstrainer (Motomed) wertvolle Dienste. Man sollte täglich Arme und/oder Beine bewegen – aus eigener Kraft und/oder passiv. Beim Treten und Kurbeln wird auch der Oberkörper bewegt und der Rumpf gebeugt. Dies löst in vielen Fällen die enorm lästige Spastik im Bereich von Blase und Darm. Info zum Motomed siehe Kapitel 2.4.6.

Ein weiterer Faktor bei der Bewältigung von Spastik ist einmal mehr die Psyche, aber auch die bewusste Willenskraft. Eine gute »Tagesform«, ausgeglichene Stimmung, ausgeschlafen sein sowie die Vermeidung von Ärger und Angst reduzieren die Spastik spürbar. Man kann dies natürlich durch Entspannungstechniken, Musik und/oder Meditation unterstützen. Auch die in Kapitel 2.2.2 beschriebene Hypnotherapie kann Spastiken reduzieren. Wenn die Spastik morgens nach dem Aufwachen besonders stark ist, kann das Anhören der entsprechenden Hypnose-CD einen entspannten Start in den Tag bringen. Natürlich muss man dabei auch alle Muskeln mobilisieren, auf die man willentlich zugreifen kann.
    Bewusst locker zu lassen ist schwierig, wenn die Spastik »einschießt«. Wenn man sich bewusst entspannt und sich etwas Zeit nimmt, kann das aber gelingen. Möglicherweise geht das über die Jahre immer leichter. Aktives Entspannen kann man eventuell auch trainieren. Man lernt, nicht auf jede Muskeldehnung mit Spastik zu reagieren. Um das zu üben, lässt man den gehaltenen Körperabschnitt mit der Schwerkraft fallen. Dies kann durch Atemtechnik unterstützt werden.

Manchmal leider unvermeidlich: Tabletten zur Muskelentspannung (Muskelrelaxanzien). Unter anderem werden folgende Medikamente bzw. Wirkstoffe in Tablettenform gegen Spastik verwendet:

Wirkstoff

Handelsname

Baclofen

Lioresal

Tizanidin

Sirdalud

Tolperison

Mydocalm

Dantrolen

Dantamacrin

Vorsicht! Diese Medikamente haben starke Nebenwirkungen. Unter anderem können sie dazu beitragen, dass man mühsam wiedererlangte Willkürkraft wieder verliert. Also, dass die Lähmung zurückkommt oder gar nicht erst zurückgeht. Manche Ärzte in der stationären Reha verabreichen gerne Muskelrelaxanzien. Denn es erleichtert Pflege und Tranfers, wenn der Patient weniger steif ist. Aber der Nutzen steht meist in keinem Verhältnis zum möglichen Schaden. Das gilt erst recht bei hoher Dosierung.
    Sogar die Schulmediziner der Deutschen Gesellschaft für Neurologie schreiben über solche Tabletten: „Zentral wirksame Antispastika bewirken eine Abnahme der Erregbarkeit von spinalen Interneuronen und damit von Motoneuronen. Sie weisen (dosisabhängig) relativ häufig Nebenwirkungen, insbesondere Sedation und Abnahme von Muskelkraft, auf.“ (20)
   
Spätestens, wenn man aus der Reha entlassen wird, sollte man versuchen, auf diese Medikamente zu verzichten. Hier sollte man sich von herablassender Besserwisserei mancher Ärzte nicht beirren lassen.

Bei schwerer, pflegebehindernder Spastik im ganzen Körper empfehlen manche Ärzte, das Medikament Baclofen dauerhaft direkt ins Rückenmark zu spritzen (intrathekale Baclofen-Behandlung ITB). Dazu wird eine Pumpe in den Rücken ein-operiert. Der angeschlossene Katheter leitet die flüssige Form von Baclofen unmittelbar in den flüssigkeitsgefüllten Raum, der das Rückenmark umgibt. Vorsicht: Diese radikale Methode kann zu Nebenwirkungen und schwerwiegenden Komplikationen führen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie schreibt über die Baclofen-Pumpe: „Bei Patienten mit schwerer generalisierter Spastik, Tetra- oder Paraspastik, die mit Physiotherapie und oraler antispastischer Therapie nicht ausreichend behandelt werden können, sollte eine intrathekale Baclofen-Dauertherapie Typ A mittels Pumpen erwogen werden.“ Und: „Die Indikationsstellung zur intrathekalen Baclofen-Behandlung (ITB) sollte erst nach nicht zufriedenstellendem oralem Behandlungsversuch erfolgen, da es bei dieser Behandlung zu Nebenwirkungen, aber auch schwerwiegenderen Komplikationen (ca. 8–10 %) kommen kann.“ (21)

Wenn starke Spastik nur einzelne Körperteile betrifft (fokale Spastik), spritzen manche Ärzte das Nervengift Botox (Botulinum-Neurotoxin Typ A = BoNT A) direkt in die betroffenen Muskeln. Auch da sollte man allerhöchstens im Ausnahmefall zustimmen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie schreibt dazu: „Die lokale BoNT-A-Therapie ist eine evidenzbasierte Behandlungsform der spastischen Muskeltonuserhöhung und als Behandlung der Wahl bei fokaler, multifokaler und segmentaler Verteilung der Spastizität, z. B. bei Beugespastik der Ellbogen-, Hand- und Fingermuskeln, spastischer Schulteradduktion und -innenrotation, Adduktorenspastik und spastischem Spitzfuß, empfohlen.“ (22)

Auf lange Sicht ist und bleibt aktive und/oder passive Bewegung die wichtigste Maßnahme gegen Spastik. Zudem können folgende »Hausmittel« dämpfend auf (chronische) Spastik wirken:

Magnesium ist ein wichtiger Mineralstoff mit muskelentspannenden Eigenschaften. Menschen mit chronischer Spastik sollten diesen Vitalstoff auf jeden Fall einnehmen. Ein hoher Magnesiumspiegel senkt auch das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben (23). Er kann zudem etliche Beschwerden mildern wie chronische Müdigkeit, Leistungsschwäche, Schlafstörungen, Migräne, Blutarmut, Diabetes. Es kostet wenig und hat keine unerwünschten Nebenwirkungen. Es gehört deshalb zu den unverzichtbaren Nahrungsergänzungsmitteln. Magnesium ist allerdings nicht so wirksam, dass man allein damit starke spastische Krampfanfälle lösen könnte. Je nach Empfindlichkeit und Dosierung kann Magnesium zu weichem Stuhl führen oder sogar Durchfall verursachen. Das ist völlig unbedenklich und klingt wieder ab. Eventuell tritt dieser Effekt nur bei Beginn der Einnahme auf. Der weiche Stuhl zeigt an, dass die Aufnahmekapazität für Magnesium im Körper erreicht ist. Viele Menschen mit einem spastisch gelähmten Darm leiden an Verstopfung. Denen kann Magnesium eventuell einen doppelten Nutzen bringen.
    Produkt-Empfehlung: Warnke Magnesium. 250 Tagesrationen kosten in der Internet-Apotheke ca. 14,- Euro.

Hinweis: Mit der nachfolgenden Information über Cannabis soll lediglich Wissen vermittelt werden. Medizinisches Cannabis gilt leider immer noch als illegale Droge. Auf keinen Fall soll damit zum Begehen einer Straftat ermuntert werden. Möglicherweise kann der Arzt Cannabis verordnen.

Eines der wirksamsten Medikamente gegen Spastik ist zudem frei von schädlichen Nebenwirkungen: Cannabis (24). Cannabis ist der wissenschaftliche, aber dennoch gebräuchliche Name für Hanf. Wenn man Cannabis als Arzneimittel nutzt, spricht man von Medizinalhanf. Studien belegen, dass die in Cannabis enthaltenen Wirkstoffe (Cannabinoide) unter anderem gut gegen Spastik und starke Schmerzen wirken. Bekannt ist vor allem der berauschende Inhaltsstoff THC (Tetrahydrocannabinol). Cannabis wird seit Jahrtausenden in der Medizin verwendet, wurde aber nach dem Krieg wegen seiner berauschenden Wirkung in vielen Ländern verboten. Das ist unverständlich, denn Cannabis macht als Droge weder süchtig, noch krank – im Gegensatz zu den legalen Drogen Alkohol und Nikotin. In mehreren Ländern wird der Konsum geringer Mengen Cannabis deshalb inzwischen wieder geduldet: z.B. in Holland, Tschechien, in Teilen der USA.
    In Wikipedia findet sich folgender Eintrag zur medizinischen Wirkung von Cannabis: »Die antiataktische (Bewegungsabläufe koordinierende) und antispastische (d. h. krampflösende) Wirkung der Cannabis-Wirkstoffe begründet die Anwendung zur Unterdrückung von Spasmen, Lähmungen und Krämpfen, wie sie bei Multipler Sklerose auftreten. Es kann die Krankheit zwar nicht heilen, aber die Symptome der Krankheit unterdrücken und dem Patienten so sein Leben erleichtern.«
  
Cannabis ist zudem ein sanftes Mittel für ein leichteres Ein- und Durchschlafen. Bei höherer Dosierung macht sich die erwünschte oder unerwünschte berauschende und bewusstseinserweiternde Wirkung des THCs bemerkbar. Vorsicht: Alkohol kann diese Wirkung drastisch verstärken. Cannabis berauscht aber viel weniger aggressiv als Alkohol.

Seit März 2017 ist es in Deutschland etwas einfacher, medizinisches Cannabis zu beschaffen. Die kassenärztliche Bundesvereinigung schreibt auf ihrer Website: “Patienten mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben seit 10. März 2017 unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf Cannabis. Jeder Haus- und  Facharzt darf seitdem getrocknete Cannabisblüten und -extrakte sowie  Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabilon verordnen. Die Krankenkassen übernehmen im Regelfall die Kosten für die Therapie ... Vor der erstmaligen Verordnung eines Cannabispräparats muss der Patient die Genehmigung seiner Krankenkasse einholen ...” (25).
   Allerdings ist der Genehmigungsprozess in der Praxis ziemlich aufwändig und langwierig: Erstens findet man oft nur schwer einen Arzt, der den Genehmigungsprozess begleiten möchte. Er hat doch einigen Aufwand mit der Dokumentation der medizinischen Notwendigkeit. Wenn der Antrag vorliegt, dann dauert es Wochen bis dieser von Krankenkasse und ggf. MDK geprüft wurde. Und schließlich ist medizinisches Cannabis wegen der hohen Nachfrage nur eingeschränkt lieferbar. Meist muss man sich bei der Apotheke auf eine Warteliste setzen lassen. Und so bleibt häufig doch keine andere Wahl als die illegale Beschaffung auf dem Schwarzmarkt.

Ohne Verordnung durch den Arzt bleibt dem Patienten nur, das medizinische Cannabis illegal zu besorgen. Auch wenn man damit ein Risiko eingeht. Der Kauf und Besitz von Cannabis ist in Deutschland zwar rigoros verboten, nicht aber der Konsum. Damit das in der Praxis funktioniert, hat sich die Rechtsprechung durchgesetzt, wonach der Besitz kleiner Mengen Cannabis für den »gelegentlichen Eigenverbrauch« nicht strafrechtlich verfolgt wird. Diese »kleine« Menge unterscheidet sich je nach Bundesland. Am wenigsten wird im sozial rückständigen Bayern toleriert: 6 g Cannabis. In Schleswig-Holstein sind es dagegen 30 g. Beschlagnahmt wird es trotzdem, wenn man erwischt wird. Und eine Anzeige gibt es erst mal auch. Die Kleinmenge des »gelegentlichen Eigenverbrauchs« sollte man keinesfalls überschreiten.
    Mit 6 g sollte ein chronischer Spastiker aber ein paar Wochen zurechtkommen. Man wird also nicht gleich zum Kriminellen, wenn man sich sein Cannabis auf dem Schwarzmarkt oder im Ausland besorgt. Es gibt keinen Grund für ein schlechtes Gewissen. Dennoch: Auch wenn man nur eine kleine Menge Cannabis kauft und/oder besitzt, macht man sich strafbar. Man geht damit ein Risiko ein. Deshalb sollte man Cannabis gegen Spastik allenfalls verwenden, wenn bei starken Schmerzen die anderen Mittel wirkungslos sind und/oder nicht vertragen werden. Auf keinen Fall soll hier zur Begehung einer Straftat ermuntert werden.

23+24Man kann Cannabis üblicherweise in zwei Formen kaufen und konsumieren: als Marihuana oder als Haschisch.

Marihuana (oder umgangssprachlich Gras) nennt man die getrockneten Blüten der weiblichen Hanf-Pflanze. Marihuana wird meistens mit Tabak gemischt und als »Joint« geraucht oder es wird in einem sogenannten Vaporizer verdampft. Vaporizer sind kleine elektrische Geräte, in denen eine geringe Menge Cannabis erhitzt wird. Der Wirkstoff verdampft dabei und kann inhaliert werden. Rauch entsteht dabei keiner. Vaporizer sind preiswert. Man kann sie ganz legal kaufen, z.B. bei Amazon.

Haschisch ist das zu Platten oder Blöcken gepresste Harz der Pflanze. Zerkrümelt kann Haschisch ebenfalls geraucht oder mit einem Vaporizer inhaliert werden. Für Behinderte dürfte es aber in den meisten Fällen praktischer sein, wenn sie es in Form von Keksen essen (Haschkekse oder umgangssprachlich Space-Cookies). Da kann man bequem vor dem Schlafengehen eins nehmen. Haschkekse zu backen ist so einfach wie das Backen von Weihnachtsplätzchen.

Einfache Haschkekse für Spastiker

320 g Butter, ca. 6 g Haschisch, Salz, Saft von einer halben Zitrone, 2 EL Vanillezucker, 2 EL Wasser, 180 g Zucker (oder weniger oder Stevia), 500 g Mehl.
 

100 g Butter schmelzen. Das Haschisch zerbröseln und in der heißen Butter vollständig(!) auflösen. Die flüssige Butter mit der restlichen Butter verkneten, dann mit den Gewürzen, dem Wasser, dem Zucker und zuletzt dem Mehl zu einem Mürbteig verarbeiten. Den Teig zwei Stunden im Kühlschrank ruhen lassen. Den Backofen auf 200 Grad vorheizen. Den Teig in der Größe des Backblechs ausrollen und auf das mit Backpapier ausgelegte Blech legen. Die Teigfläche mit einer Gabel mehrmals einstechen. Den Teig auf mittlerer Schiene ca. 20 Minuten backen. Den heißen Blechkuchen in ca. 2 x 5 cm große Stücke schneiden. Die nicht kurzfristig benötigte Menge sollte man einfrieren.

 

Das Rezept ist aus dem Buch »Backen mit Hanf« von Kathrin Gebhardt.

 

Zu Cannabis gibt es noch eine weitere interessante Information: Erste Studien deuten an, dass der psychoaktive Inhaltsstoff der Hanfpflanze, das THC, das Wachstum von Krebszellen hemmen kann (26).

Es gibt noch weitere »Hausmittel«, die auf Spastik dämpfend wirken können. Allerdings sollte man sich von der Wirksamkeit nicht zu viel versprechen. Oder aber die Nebenwirkungen sind gravierend. Dazu gehört der Alkohol:

25In vielen Fällen bewirkt Alkohol eine rasche Muskelentspannung. Allerdings mahnen nicht nur die allseits bekannten schädlichen Wirkungen dieser Droge zur Vorsicht. Viele Gelähmte (Schlaganfall-Patienten) mit teilweise wiedererlangter Kraft sind sehr schwach und ermüden schnell. Schon ein Glas zu viel kann zu weitgehender Kraftlosigkeit führen. Der Transfer ins Bett wird dann möglicherweise zum ungeplanten Abenteuer, besonders für die beteiligte Hilfskraft. Diese Kraftlosigkeit entsteht nicht erst dann, wenn man richtig betrunken ist. Da reicht oft schon ein kleiner Schwips. Gegen ein oder zwei Gläser Rotwein am Abend ist aber wohl wenig einzuwenden. Das kann sehr entspannend wirken. Bei dieser Menge ist der Nutzen für (ansonsten gesunde) Menschen mit Spastik wohl größer als der mögliche Schaden. Und, anders als beim Cannabis-Konsum, muss man beim Rotweintrinken nicht befürchten, dass plötzlich die Polizei vor der Türe steht.
    In unserem Kulturkreis hat Alkohol viel mit Geselligkeit und Lebensqualität zu tun. Viele Behinderte, die ja in ihrem Leben stark eingeschränkt sind, schätzen deshalb einen edlen Rotwein oder einen Single-Malt-Whisky ganz besonders. Da steht der Genuss im Vordergrund, und weniger die Muskelentspannung. Aber Vorsicht: Das kann schneller zur krankhaften Sucht werden, als man denkt. Das geschieht oft schleichend. Eventuell muss man auch die Gefahr von Wechselwirkungen mit Medikamenten beachten. Außerdem enthält Alkohol sehr viele Kalorien und erhöht den Blutdruck. Beides ist (nicht nur) für die an Bewegungsmangel leidenden Rollstuhlfahrer ein großes Problem. Alkohol steigert die Gefahr, einen (erneuten) Schlaganfall zu erleiden. Verständlich, dass dieses Konsumgift als Mittel gegen Spastik weitgehend unerwähnt bleibt. Auch für den Alkohol gilt der Spruch von Paracelsus: »Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.«

Auch die im Grüntee enthaltenen Wirkstoffe sollen auf die Muskeln entspannend wirken, zumindest bei leichter Spastik. Dieser gesunde Tee kann auf keinen Fall schaden. Die Wirkung kann möglicherweise verstärkt werden, wenn man dem Tee Schwarzkümmel (Nigella sativa) beimischt. Schwarzkümmel ist nicht zu verwechseln mit dem Gewürzkümmel (Carum carvi), der bei Verdauungsproblemen helfen kann. Vor der Verwendung den Schwarzkümmel entweder fein zerstoßen oder fertiges Schwarzkümmelöl im Tee verwenden. Natürlich kann man Schwarzkümmel-Produkte auch ohne Grüntee einnehmen. Es gibt auch Schwarzkümmelöl-Kapseln zum Einnehmen, z.B. von Kräuterhaus Sanct Bernhard. Schwarzkümmel wirkt gut krampflösend. Allerdings ist die Wirksamkeit gegen Spastik noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Das gilt wohl auch für seine blutdrucksenkende Wirkung.

Nikotin beeinflusst das Nervensystem und soll leicht muskelentspannend wirken. Allerdings ist bei diesem Konsumgift der Schaden auf jeden Fall größer als der zumeist kaum wahrnehmbare Nutzen. Unter anderem verursacht Rauchen Blut-hochdruck und Schlaganfälle. Rollstuhlfahrer mit Bewegungsmangel sind besonders gefährdet. Wer dennoch raucht, muss zumindest wohl nicht befürchten, dass Nikotin die Spastik verstärkt.

Sex, oder besser gesagt ein Orgasmus, kann ebenfalls für entspannte Muskeln sorgen. Allerdings erst im Nachhinein: Erregung und Anstrengung können zunächst starke Spastiken auslösen.

Ob man mit Homöopathie ernsthaft Krankheiten und Beschwerden lindern kann, wird seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Manche schwören darauf und verweisen auf angebliche Heilerfolge. Homöopathische Mittel wurden so stark verdünnt, dass sie praktisch keinerlei Wirkstoff enthalten. Aber Ausprobieren schadet nicht. Gegen leichte Spastiken kann man das homöopathische Kombinationsarzneimittel Spascupreel ausprobieren. Insbesondere wird aber auch das homöopathische Mittel Agaricus muscarius (Fliegenpilz) zur Muskelentspannung verwendet. Ein Heilpraktiker wird möglicherweise die folgenden homöopathischen Medikamente gegen Spastik verordnen: Myrrha comp. D8 und Bufo D3.
    Erfahrene Anwender von Naturmedizin können auch mit einem Tee aus frischem oder getrocknetem Fliegenpilz experimentieren. Da ist der Wirkstoff-Gehalt wesentlich höher als bei einem homöopathischen Mittel. Aber natürlich muss man diesen berauschend wirkenden Giftpilz sehr vorsichtig dosieren. Neben Halluzinationen sind auch Delirien und großes Unbehagen möglich. Im Internet findet man Anleitungen für die Zubereitung von Fliegenpilz-Tee, der von manchen Leuten als legale berauschende Droge getrunken wird.

 

3.9 Was tun gegen Muskel- und Knochenschwund?

Unbenutzte Muskeln bilden sich innerhalb von kurzer Zeit zurück. Manche schlaff gelähmten Arme und Beine scheinen nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Die fehlenden Muskeln sind nicht nur eine optische Beeinträchtigung. Muskeln verbrauchen Kalorien, erzeugen Körperwärme und bilden ein Polster gegen Dekubitus. Sie produzieren bei Belastung wichtige Hormone (Myokine), stärken das Immunsystem und tragen bei zu Vitalität und Wohlbefinden. Myokine beeinflussen alle anderen Organe. Bekannt sind bisher Wirkungen auf Diabetes, das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel und die Dehnbarkeit von Gefäßen (27). Statistisch gesehen haben Menschen mit wenig Muskelmasse häufiger Krebs (28). Der Rückgang von Muskelmasse bei Behinderten geht häufig einher mit einer Zunahme von schädlichem Körperfett. Bewegungsmangel und unangepasste Ernährung sind hier natürlich die bestimmenden Faktoren. Deshalb gibt es unter Rollstuhlfahrern auffällig viele fettleibige Menschen. Zum Thema Ernährung siehe auch Kapitel 3.10.

Was kann man tun, um den Abbau der Muskeln zu vermeiden oder zu verzögern? Selbstverständlich und naheliegend: möglichst viel aktive Bewegung mit den zugänglichen Muskeln. Je nach Art der Behinderung heißt das möglicherweise: tägliche Übung am Bewegungstrainer (Motomed). Auch, wenn man die Muskeln mehrmals täglich einfach nur anspannt, hat das schon einen positiven Effekt. Jede Art von Bewegung tut gut! Das bringt auch den Kreislauf in Schwung. Man fühlt sich dabei sofort belebter. Querschnittgelähmte mit aktivem Oberkörper haben natürlich ganz andere Trainings-Möglichkeiten als am ganzen Körper betroffene Schlaganfall-Patienten. Auch Spastiken sorgen für (ungewollte) Bewegung und beanspruchen bestimmte Muskelgruppen. Diese können auf diese Weise erhalten bleiben und sogar wachsen. Deshalb ist Spastik nicht immer nur schädlich.

Die Ernährung spielt beim Aufbau und beim Erhalt der Muskeln eine wichtige Rolle. Man sollte möglichst viel Eiweiß (Protein) zu sich nehmen. Also Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte, Quark, Käse etc. Den Verzehr von Kohlenhydraten sollte man entsprechend reduzieren. Das sind vor allem Getreideprodukte und Zucker. Der weitgehende Verzicht auf Brot, Nudeln, Reis usw. ist auch eine wichtige Maßnahme gegen das Dickwerden. Auf Zucker sollte man völlig verzichten. Muskelerhalt und Gewichtskontrolle gehen so Hand-in-Hand. Natürlich darf man diese Ernährungsempfehlung lediglich als Richtlinie ansehen, ohne es extrem zu übertreiben. Wichtig ist eine ausgewogene, vitaminreiche Vielfalt – nicht nur für Rollstuhlfahrer.
    Zur weiteren Erhöhung der Protein-Zufuhr sollte man Eiweiß-Pulver zu sich nehmen. Das machen üblicherweise auch Sportler für den Muskelaufbau. Man kann z.B. jeden Tag ein paar Löffel Eiweiß-Pulver in den Frühstücks-Früchte-Quark oder in Joghurt mischen.
    Ein geschmacksneutrales Eiweiß-Pulver guter Qualität ist „Dr.Ritter Bio-Eiweiß-Konzentrat 85“. Info auf www.dr-ritter.de

Ein wichtiges Nahrungsergänzungsmittel (nicht nur) zum Erhalt der Muskeln ist Arginin (eigentlich heißt es L-Arginin). Dessen segensreiche Wirkungen kann man gar nicht genug betonen. Arginin ist eine natürliche Aminosäure und ist in vielen Lebensmitteln enthalten, z.B. in Walnüssen. Über die Nahrung kann man allerdings nicht genügend Arginin aufnehmen. Deshalb sollte man ergänzend Arginin-Kapseln einnehmen. Arginin sorgt hauptsächlich für eine Erweiterung der Blutgefäße. Diese Gefäßerweiterung kann unter anderem zur Senkung eines erhöhten Blutdrucks führen. Somit ist Arginin ein natürlicher Blutdrucksenker ohne Nebenwirkungen. Man sollte allerdings mit seinem Arzt besprechen, ob das im Einzelfall zur Blutdrucksenkung ausreicht. Außerdem kann Arginin der Bildung von Thrombosen in den Blutgefäßen entgegenwirken. Es dient deshalb auch zur Vorbeugung gegen Schlaganfälle. Zudem hilft es, Herzinfarkt zu vermeiden. Arginin sorgt außerdem für eine bessere Nährstoffversorgung der Muskeln, deren Wachstum dadurch unterstützt wird. Daher wird es üblicherweise von Sportlern eingenommen. Und eben von Behinderten, die ihre Muskeln erhalten wollen. Arginin steigert die Durchblutung des Herzens und damit auch die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit. Es soll bei Männern zudem potenzsteigernd wirken. Dieser Effekt scheint jedoch eher bescheiden zu sein. Freilich fördert die gefäßerweiternde Wirkung auch die Durchblutung in der südlichen Körperregion. Nebenwirkungen sind bei normaler Dosierung nicht bekannt.
    L-Arginin gibt es in jeder Apotheke. Allerdings ist es dort sehr teuer. Die Firma IronMaxx stellt Arginin für Sportler her. Das ist wesentlich günstiger als ein Apotheken-Produkt. „IronMaxx Arginin Simplex 1200“ (260 Kapseln) kostet bei Amazon knapp 30,- Euro. Wem die Kapseln zu groß sind zum Schlucken, der kann sie öffnen und das Pulver ins Trinken mischen.
    Speziell für den Muskelaufbau gibt es von IronMaxx eine interessante Variante: Arginin gemischt mit pulverisierter Maca-Wurzel, Brennesselwurzel, Bockshornkleesamen, Zink und einiges mehr. „Ironmaxx Teston“ (130 Kapseln) kostet ca. 20,- Euro. Der Name ist irreführend und soll männliche Käufer locken. Teston-Kapseln haben mit Testosteron nichts zu tun und sind natürlich auch für Frauen geeignet. Am besten man kombiniert beide Sorten: z.B. morgens vor dem Frühstück eine Kapsel Teston, mittags eine Kapsel Arginin und abends nochmal Teston. Diese Dosierung kann und sollte man jahrelang beibehalten.

Eine weitere Methode zum Erhalt der Muskeln ist die Gabe des männlichen Sexualhormons Testosteron. Für Frauen ist diese Behandlung allerdings kaum geeignet. Zumindest, wenn sie nicht aussehen wollen wie eine gedopte russische Kugelstoßerin. Viele ältere Männer, zumal mit Schlaganfall und/oder psychischer Belastung, haben ohnehin einen sehr niedrigen Testosteron-Spiegel. Sie leiden an Testosteronmangel, meistens ohne es zu wissen. Da tut die Hormonbehandlung nicht nur zum Erhalt der Muskeln gut. Neben dem Muskelaufbau hat diese Behandlung weitere positive Effekte: Die Vitalität und das allgemeine Wohlbefinden werden gesteigert. Die sexuelle Lust kann ansteigen, die Sexualfunktionen können aktiviert werden. Allerdings ist diese Wirkung bei Medizinern umstritten. Auch die geistige und psychische Leistungsfähigkeit kann sich verbessern. Antriebslosigkeit und auch Schlafstörungen werden gemindert. Der Fettstoffwechsel wird angeregt. Testosteron kann Osteoporose und Diabetes entgegenwirken. Studien belegen, dass Männer mit höherem Testosteron-Spiegel eine höhere Lebenserwartung haben.
    Üblicherweise wird Testosteron als Gel auf die Haut aufgetragen. Das ist einfach und unkompliziert. Testosteron ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Es wird normalerweise nur verordnet, wenn ein Testosteronmangel nachgewiesen ist. Ein guter Arzt wird aber die Nöte eines Rollstuhlfahrers verstehen und das Hormon ohne lange Diskussionen verschreiben. Von der Krankenkasse wird das normalerweise nicht bezahlt. Der Arzt stellt ein Privatrezept aus. Das kann man dann bei einer (Internet-) Apotheke einlösen. Es gibt verschiedene Testosteron-Produkte. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hat die Marke Testim von der Firma Ferring. 90 Tuben mit den Tagesportionen kosten in einer Internet-Apotheke ca. 180,- Euro. Allerdings reicht es meistens aus, wenn man das Testosteron ungefähr drei Mal wöchentlich anwendet. Damit reichen zwei Packungen für über ein Jahr aus. Das kostet dann im Durchschnitt etwa einen Euro pro Tag. Ja, Gesundheit ist teuer. Und viele Schlaganfall-Patienten bereuen bitter, dass sie ihr Geld nicht schon in früheren Jahren dafür ausgegeben haben. Das Gel in den kleinen Tuben wird einfach auf der Haut verteilt und trocknen gelassen. Wichtig ist, dass die empfohlene Dosis nicht überschritten wird. Alternativ kann man sich das Hormon auch vom Arzt ins Blut spritzen lassen.
    Wer das Gespräch mit dem Arzt scheut, der kann die Rezeptpflicht umgehen und Testim in England bestellen: www.dokteronline.com. Allerdings ist es da wesentlich teurer. Und es ist dringend davon abzuraten, das Hormon ohne Wissen des Hausarztes zu nehmen.
    Eine unerwünschte Nebenwirkung von
Testosteron kann sein, dass sich die Spastik in den Muskeln wieder etwas verstärkt. Das ist aber auch ein Zeichen dafür, dass die Behandlung in den Muskeln wirkt. Spastisch Gelähmte sollten deshalb gleichzeitig den Mineralstoff Magnesium einnehmen, das sehr gut krampflösend wirkt. Testosteron kann zudem blutverdickend wirken. Über weitere, selten auftretende Nebenwirkungen gibt es umfassende Informationen im Internet. Manche Ärzte sind noch der Meinung, dass die Hormonbehandlung Prostatakrebs auslösen oder verstärken könnte. Dies konnte aber bislang nicht durch Studien belegt werden.

Das inaktive Leben im Rollstuhl bringt in vielen Fällen nicht nur Muskel-, sondern auch Knochenschwund mit sich. Durch die fehlende Belastung kommt es zu einem Verlust von Knochenmasse und zu einer Veränderung der Knochenstruktur. Eine hohe Dosierung von Vitamin D kann dem entgegenwirken. Hilfreich ist auch eine kalziumreiche Ernährung mit vielen Milchprodukten. Zur Erhöhung der Knochendichte kann man auch Kalzium-Präparate einnehmen. Aber: Kalzium wirkt nur in Verbindung mit verschiedenen Mineralien. Besonders wichtig ist Magnesium. Magnesium wirkt zudem gegen Spastik und vorbeugend gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (siehe auch Kapitel 3.13). Bei Männern hilft Testosteron, den Knochenabbau zu bremsen. Das ist ein weiterer Grund für die Behandlung mit diesem Hormon.

(1) www.flintrehab.com/2015/the-5-stages-of-grief-after-stroke
(2) www.dg-pflegewissenschaft.de/pdf/0801-Schaeffer.pdf
(3) www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/depression_nach_schlaganfall.html
(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
(5) www.depressionny.com/q&a-sexualse.htm
(6) www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/die-krankheit-danach/9188914.html
(7) www.aminosaeure.org/aminosaeuren/l-tryptophan
(8) http://news.ku.dk/all_news/2014/09/new-research-offers-help-for-spinal-cord-patients
(9) https://de.wikipedia.org/wiki/Serotonin
(10) http://dgk.de/meldungen/pravention-und-anti-aging/vitamin-d-mangel-ist-weit-verbreitet/vitamin-d-und-depressionen.html
(11) http://vitamine-ratgeber.com/wirken-omega-3-epa-dha-gegen-depressionen
(12) www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22464799
(13) www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/article/850155/depressionen-sport-hilft-antidepressivum.html
(14) www.rehadat.de/gkv3/Gkv.KHS
(15)
www.kfw.de/inlandsfoerderung/Privatpersonen/Bestandsimmobilie/F%C3%B6rderprodukte/F%C3%B6rderprodukte-f%C3%BCr-Bestandsimmobilien.html
(16) www.steuertipps.de/lexikon/b/behinderte
(17) www.pflegewiki.de/wiki/Verhinderungspflege
(18) http://news.ku.dk/all_news/2014/09/new-research-offers-help-for-spinal-cord-patients
(19) www.der-querschnitt.de/archive/3552
(20-22) www.dgn.org/images/red_leitlinien/LL_2008/archiv/ll08kap_096.pdf
(23) www.magnesium-ratgeber.de
(24) www.selbsthilfenetzwerk-cannabis-medizin.de
(25) http://www.kbv.de/html/cannabis-verordnen.php
(26) 3Sat-Sendung »Cannabis gegen Krebs« vom 26.10.17
(27) SWR-Sendung »Odysso« vom 21.04.16
(28) www.netdoktor.de/magazin/krebspraevention-muskeln-koennen-vor-krebs-schuetzen

 

 

 

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