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Zu AmazonPraxis-Handbuch Schlaganfall: Das Leben danach
Experten-Tipps für Menschen mit Schlaganfall
und anderen Schäden des zentralen Nervensystems.

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Über dieses Buch

Der Inhalt dieser Website ist bei Amazon.de erhältlich als Taschenbuch sowie als Kindle-E-Book (zum sofortigen Download bei Amazon - hier klicken).

In diesem Handbuch finden Menschen mit einer erworbenen Körper-Behinderung handfeste Praxis-Tipps, kombiniert mit fundiertem Experten-Wissen. Der Einstieg in den neuen Lebensabschnitt als Behinderter wird dadurch enorm erleichtert. Aber auch langjährig Behinderte entdecken hier Informationen, die selbst »alten Hasen« das Leben erträglicher machen. Der Text beschränkt sich auf die wesentlichen Informationen, in Alltagssprache, ohne viel »Drumherum-Gerede« und ohne unverständliches Mediziner-Deutsch.
    In jeder Minute geraten Dutzende von Menschen in eine Situation, die ihr weiteres Leben völlig verändert: Unfall oder Schlaganfall (Hirninfarkt, bzw. Hirnblutung) – einhergehend mit einer Schädigung von Hirn oder Rückenmark. Oder man erleidet die Amputation von Gliedmaßen. Diese Ereignisse führen zu starken Beeinträchtigungen, bzw. zu Lähmungen. Die Folge ist möglicherweise ein weiteres Leben im Rollstuhl. Mit bislang unbekannten Problemen, Bedürfnissen und Herausforderungen.
    Ein großes Problem in der neuen Lebenssituation ist in vielen Fällen die Beschaffung von Informationen über Therapien, Hilfsmittel, Finanzhilfen usw. Die Ärzte, Therapeuten und Hilfsmittelberater haben nur selten den kompletten Überblick und beraten oft entsprechend lückenhaft. Im nachfolgenden Text werden alle wichtigen Informationen knapp und übersichtlich zusammengefasst.
    Jeder Fall ist anders. Deshalb kann dieses Buch lediglich ein Kompass sein, der die Richtung anzeigt zur Bewältigung der neuen Lebenssituation. Diese Informationen und Erfahrungen ergänzen deshalb nur den fachlichen Rat von Ärzten und Therapeuten.
    Die Informationen in diesem Buch wurden mit Sorgfalt zusammengestellt. Dennoch kann für ihre Richtigkeit keine Garantie übernommen werden. Für die im Text beschriebenen Maßnahmen übernehme ich keine Haftung. Ihre Nachahmung liegt in der alleinigen Verantwortung des Lesers.
Herzlichen Dank an Susanne Ruhland-Rapps (Fachärztin für Psychotherapie und Psychiatrie) für die fachliche Beratung.
    Vielen Dank auch an die Leser der ersten drei Ausgaben, die mit ihren engagierten Rückmeldungen beigetragen haben zu den Ergänzungen der Ausgabe 2017. Die Rückmeldungen haben auch zum neuen Buchtitel geführt. Die ersten drei Ausgaben waren erschienen unter dem Titel »Handbuch Behinderung und Rollstuhl«. Aber auch, wenn sie nicht im Rollstuhl sitzen, finden Patienten (und Pflegende) in diesem Buch viele nützliche Informationen, die die Bewältigung des Alltags erleichtern.

 

1. Plötzlich ist alles anders - die Akutphase

1.1 Schnell muss es gehen!

2Die häufigste Ursache für erworbene Behinderungen und eine der häufigsten Todesursachen ist ein Schlaganfall. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten von Schlaganfällen: Entweder die Durchblutung einer Hirnregion wird wegen einer verstopften Ader unterbrochen (ischämischer Schlaganfall oder Hirninfarkt) oder, seltener, eine geplatzte Ader verursacht eine Einblutung in der betroffenen Hirnregion (hämorrhagischer Infarkt)(1). Es gibt viele verschiedene Formen mit den unterschiedlichsten Ursachen und Auswirkungen. Allgemein spricht man auch von Hirnschlag (apoplektischer oder zerebraler Insult, in der gebräuchlichen Kurzform Apoplex oder Insult). Ein solcher Insult unterbricht die Sauerstoffversorgung der Nervenzellen (Neuronen) in der betroffenen Gehirnregion. Die Folge ist eine Schädigung (Läsion) des zentralen Nervensystems (ZNS = Gehirn und Rückenmark). Daraus können sich vielfältige dauerhafte oder vorübergehende Störungen ergeben: Lähmungen, Gefühllosigkeit, Sprach- und Sprechstörungen, Schluckstörungen, Schädigungen des Sehens oder Hörens, Störungen des Erinnerungsvermögens, der Aufmerksamkeit, der Handlungskontrolle, Schwindel, Depressionen und/oder psychische Veränderungen.

Wichtig: Etliche Schlaganfall-Patienten erleiden in der Folgezeit weitere Schlaganfälle. Oft schon kurze Zeit nach dem ersten Insult, da ja meistens die Ursache für den ersten Schlaganfall noch weiterbesteht. Auch das bewegungsarme Leben als Behinderter erhöht das Risiko für einen erneuten Insult, aber auch für andere Beschwerden. Vorbeugende Maßnahmen sind lebenswichtig! Dazu gehört z.B. das Vermeiden oder Reduzieren von Übergewicht, die Kontrolle des Blutdrucks, die Änderung schädlicher Lebensgewohnheiten (Rauchen, zu viel Alkohol, Fehlernährung) und/oder die Einnahme von Medikamenten zur Blutverdünnung. Bestimmte Nahrungsergänzungsmittel können für weite und elastische Blutbahnen sorgen (siehe Kapitel 3.13). In vielen Fällen muss man den Schlaganfall als Weckruf verstehen, zur Änderung bestimmter Lebensgewohnheiten. Viele Patienten tun das auch. Bei anderen schleichen sich im Lauf der Zeit alte Gewohnheiten wieder ein – etwa, weil sie sich einreden, ihr schädliches Konsumverhalten habe etwas mit Lebensqualität zu tun. Etliche Patienten ignorieren und verdrängen das Thema einfach. Sie suchen den Grund für ihre Krankheit überall – nur nicht in ihrer Lebensweise. Je nach Risikoprofil erstellt auch der Arzt einen individuellen Therapieplan für die Langzeitvorsorge. Man sollte jedoch nicht denken, dass das Thema mit der Einnahme von ein paar Medikamenten erledigt ist. Es gibt aber auch unverschuldete Schlaganfälle, die sich im Vorhinein kaum vermeiden lassen, z.B. durch Gefäß-Missbildungen. Wer weiß, dass er verengte Gefäße hat, der sollte natürlich für einen dauerhaft guten Gefäß-Durchfluss sorgen. Hier gilt das oben Gesagte zu den vorbeugenden Maßnahmen.

Etwa 40 % der Todesfälle in Deutschland werden durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt verursacht (2). Das ist damit mit Abstand die häufigste Todesursache. Das Risiko einer solchen Erkrankung kann möglicherweise gesenkt werden mit viel Bewegung, der richtigen Ernährung und einer optimalen Versorgung mit Vitalstoffen. Diese Themenbereiche werden in diesem Buch aus der Sicht von behinderten Menschen beleuchtet.
    Info zum Thema Schlaganfall im Internet, z.B. auf www.schlaganfall-info.de oder auf www.schlaganfall-hilfe.de

Ein weiterer häufiger Grund für eine Behinderung ist die Unterbrechung oder Beschädigung der Nervenleitung im Rückenmark (Spinalisation). Die Folge ist eine Querschnittlähmung in unterschiedlichen Ausprägungen. Die Lähmungen treten unterhalb des betroffenen Rücken- oder Halswirbels auf. Wenn das Rückenmark komplett durchtrennt ist, bedeutet das auch, dass man in den betroffenen Körperregionen kein Gefühl mehr hat (Sensibilitätsstörung). Ist das Rückenmark nicht ganz durchtrennt, kann es zu einer inkompletten Lähmung (Parese) kommen. In solchen Fällen kann sich die Lähmung mit der Zeit teilweise zurückbilden.
    Die Querschnittlähmung kann durch einen Unfall, aber auch durch eine Krankheit entstehen, wenn dadurch Druck auf das Rückenmark verursacht wird. Üblicherweise ist in den ersten Wochen die Lähmung schlaff, das heißt, es gibt praktisch keine Muskelaktivität. Nach einiger Zeit geht dann oft die »schlaffe Lähmung« über in eine »spastische Lähmung«. Das heißt, es entstehen massive, ungewollte Muskelverkrampfungen (Informationen zum wichtigen Thema Spastik: siehe Kapitel 3.8).
    Bei Verdacht auf einen Wirbelsäulen-Schaden ist eine schnelle Notfall-Versorgung wichtig. Kreislaufunterstützung und/oder Beatmung können erforderlich sein. In der akuten Phase (spinaler Schock) kann die Gefäßmuskulatur erschlaffen. Dies kann zu Blutdruckabfall und Kreislaufschock führen (3).
    Informationen rund um das Thema Querschnittlähmung findet man z.B. auf der Website der Manfred-Sauer-Stiftung: www.der-querschnitt.de
    Auch Krankheiten
(z.B. multiple Sklerose) und Kopfverletzungen (Schädel-Hirn-Trauma) können zu einer teilweisen (Parese) oder vollständigen Lähmung (Plegie oder Paralyse) führen. Die sehr unterschiedlichen Krankheiten oder Unfälle können jede Art von vorübergehender oder bleibender Beeinträchtigung mit sich bringen.
    Menschen mit Amputationen
bilden eine große Gruppe unter den Behinderten. Auch sie finden in diesem Buch viele nützliche Informationen.

 

1.2 Im Akut-Krankenhaus

Gelähmt aus dem Koma, aus einer Narkose oder aus einem Dämmerzustand zu erwachen ist eine außergewöhnliche, intensive Erfahrung. Erst allmählich beginnt man zu begreifen, dass etwas Ungeheuerliches geschehen ist – sofern man noch oder wieder bei einigermaßen klarem Verstand ist. Glücklich, wer in dieser Situation Angehörige und Freunde hat, die einem beistehen.

Die akute Phase eines schädigenden Ereignisses erfordert in der Regel eine intensiv-medizinische Behandlung und Überwachung. Zunächst geht es natürlich um die Erhaltung von Lebensfunktionen.
    Schlaganfall-Patienten sollten in eine spezielle Schlaganfallstation (Stroke Unit) aufgenommen werden. In der Folge geht es auch um die Vermeidung von Komplikationen, etwa einer Lungenentzündung, einer Lungenembolie oder einer Infektion mit resistenten Krankenhauskeimen (z.B. MRSA).
    Bei Hirnschäden (
zerebrale Läsion) muss bereits in der frühen Akutphase mit der Therapie der Lähmungen und Ausfallerscheinungen begonnen werden (Physio-, Ergo-, Logotherapie, evtl. Neuropsychologie). Je früher damit begonnen wird, desto besser ist die Erfolgsaussicht. Therapien sollten also nicht erst in der neurologischen (Früh-) Rehabilitation beginnen, die direkt an den Akut-Krankenhausaufenthalt anschließt. Sinnvoll ist es, wenn Therapeuten schon im Akut-Krankenhaus zum Krankenbett kommen. Denn in der ersten Zeit nach dem Insult ist die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren, am größten.B
    Bei Querschnittlähmungen beginnen die Therapie-Maßnahmen der Akutphase natürlich ebenfalls mit der Stabilisierung der Vitalfunktionen und eventuell mit der Versorgung der Verletzungen. Danach folgt die sogenannte Frühmobilisation und eventuell die Versorgung einer Blasen- und Darmlähmung. Das Zurechtkommen im Alltag und eventuell im Beruf ist ein zentrales Thema der weiteren Rehabilitation. Einige Patienten müssen an der Wirbelsäule operiert werden. Das verändert den Ablauf der Akutphase natürlich entsprechend und kann den Beginn der Reha verzögern.

Behandlung und Pflege im Krankenhaus sind natürlich völlig durchorganisiert. Der routinemäßige Ablauf wird vom Patienten normalerweise nicht beeinflusst. Dennoch ist ein genaues und kritisches Beobachten der ärztlichen, pflegerischen und therapeutischen Maßnahmen sinnvoll. Man sollte darauf bestehen, dass man vorab über jede geplante Maßnahme umfassend aufgeklärt wird. Das ist leider nicht immer selbstverständlich.
    Es gibt ein paar Dinge, die man besonders aufmerksam beobachten sollte und die ein Eingreifen erfordern, falls sie offensichtlich nicht richtig ablaufen. Dazu gehört der angesprochene möglichst frühe Beginn von Reha-Maßnahmen. Weitere Themen, die eventuell die Eigeninitiative von Patienten und Angehörigen erfordern, werden nachfolgend angesprochen.

1.2.1 Schluckstörung

Die Lähmungen durch einen Hirnschaden betreffen häufig auch die mehr als 50 Muskelgruppen bzw. die Hirnnerven, die für das Kauen und Schlucken zuständig sind. Der Schluckreflex ist in diesen Fällen gestört. Das betrifft etwa die Hälfte aller Schlaganfall-Patienten in der Akutphase. In den meisten Fällen lässt sich die Schluckstörung (neurogene Dysphagie) durch Therapien beheben. Bei einer Schluckstörung besteht die Gefahr, dass Nahrung und bakteriell belasteter Speichel in die Atemwege gelangen. Daraus kann schnell eine Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) entstehen. Diese ist eine häufige Todesursache.
    Bei einer Schluckstörung ist es wichtig, dass bereits in der frühen Akutphase mit einer Schlucktherapie (ein Fachbereich der Logopädie) begonnen wird. Manchmal muss der Patient vorübergehend über eine Magensonde ernährt werden. Das ist ein Schlauch, der durch Mund oder Nase in den Magen geschoben wird. Alternativ kann eine PEG (perkutane
endoskopische Gastrostomie) durch den Bauch direkt in den Magen gelegt werden. Auf diese Weise kann die Schluckstörung »in Ruhe« therapiert werden. In leichteren Fällen oder bei erfolgreichem Verlauf der Therapie kann es genügen, das Essen zu pürieren und Flüssigkeiten anzudicken, um zu vermeiden, dass sich der Patient daran verschluckt.
    Bei schwersten Schluckstörungen kann es notwendig sein, einen Luftröhrenschnitt
(Tracheotomie) durchzuführen. Dadurch wird ein Zugang zur Luftröhre geschaffen (Tracheo-stoma). In diesen Zugang wird ein kurzer Schlauch (Trachealkanüle) in die Luftröhre eingesetzt. Man atmet also nicht mehr durch Mund oder Nase, sondern direkt durch das Ventil in die Luftröhre und die Lunge. Die Kanüle erleichtert das Atmen und schützt die Lunge vor Bakterien. Sich ansammelnder Speichel und Schleim können und müssen abgesaugt werden. Für das Schluck- und Sprechtraining wird jedoch ein Ausatem-Luftstrom im Mund benötigt. Dafür muss die Kanüle ein Sprechventil enthalten, das Luft in die oberen Atemwege leiten kann.

1.2.2 Sprech- und Sprachstörung

Oft sind Patienten mit Hirnschäden mehr oder weniger von einer Sprechstörung (Dysarthrie) oder einer Sprachstörung (Aphasie) betroffen. Die Aphasie verändert die Fähigkeit, Sprache zu verstehen und/oder sich sprachlich ausdrücken zu können. Bei einer vollständigen Lähmung des gesamten Körpers (Locked-In-Syndrom) ist das Sprechen völlig unmöglich. Das kann bedeuten, dass sich der Patient, auch bei klarem Verstand, überhaupt nicht mehr verständlich machen kann. Normalerweise ist das Hören aber nicht betroffen. Wenn zumindest die Augen beweglich sind, kann eine Buchstaben-Tafel helfen. Dabei zeigt der Gesprächspartner nacheinander auf die Buchstaben. Der richtige Buchstabe wird vom Patienten durch eine Augenbewegung ausgewählt. Mit viel Geduld kann man auf diese Weise zumindest kurze Mitteilungen verfassen. Eine solche Buchstaben-Tafel gibt es z.B. bei www.tettricks.de zum Herunterladen und Ausdrucken. Patienten, die längere Zeit vom Locked-In-Syndrom betroffen sind, können eventuell mit speziellen elektronischen Hilfsmitteln kommunizieren.

1.2.3 Der spastische Spitzfuß

Bettlägerigkeit bei einer spastischen Lähmung der Beine kann zu einer Verformung der Fußgelenke, also zur Bildung eines Spitzfußes führen.
    Vereinfacht gesagt: Spastiken
, also ungewollte Muskelverkrampfungen, sind eine erlernte Fehlreaktion des Gehirns auf die Unmöglichkeit von willkürlichen Bewegungen. Sie treten bei Querschnittgelähmten genauso auf (spinale Spastik), wie z.B. bei Schlaganfall-Patienten (zentrale Spastik). Das Gehirn reagiert meistens erst nach Tagen oder Wochen mit Spastik auf eine eventuell zunächst schlaffe Lähmung. Bei Querschnittlähmung geschieht das üblicherweise später und dann wesentlich stärker als bei Schlaganfällen. Mehr zum Thema Spastik in Kapitel 3.8.
    Beim spastischen Spitzfuß wird eine bleibende Fehlstellung durch die dauerhafte Verkrampfung der Wadenmuskulatur verursacht. Das muss unbedingt verhindert werden. Sonst ist ein späteres Gehen oder Stehen kaum noch möglich, bzw. muss durch langwierige Therapien (Redression) erst wieder ermöglicht werden. Manchen Ärzten der Akutphase ist dieses Thema kaum bewusst, weil Spastiken oft erst dann zum Problem werden, wenn der Patient das Akut-Krankenhaus schon verlassen hat. Der Patient, bzw. Angehörige etc., muss eventuell selbst aktiv werden und den Arzt auf die drohende Gefahr der Spitzfußbildung ansprechen. Es gibt Lagerungstechniken zur Spitzfuß-Vorbeugung. Hilfreich ist auch das häufige passive Bewegen der Füße. Vorsorglich kann der Patient die ganze Zeit über stützende Schuhe tragen. Diese halten den Fuß in einer 90°-Stellung.  Auch wenn das im Bett möglicherweise nicht so bequem ist. Bewährt hat sich die »Ortho Sandale« von der Schweizer Firma Künzli (www.kuenzli-schuhe.ch). Das ist auch der perfekte Schuh für das Steh-Training bei den Therapien in der Reha und im Stehgerät. Allerdings muss man darauf achten, dass die Muskeln am Fußgelenk nicht auf Dauer ruhiggestellt und regelmäßig trainiert werden. Die Ortho Sandale ist außerdem der perfekte Alltagsschuh für das ganze weitere Leben im Rollstuhl. Die Sandale hat viele Lüftungsöffnungen und gibt dennoch dem gesamten Fußgelenk einen festen Halt. Das erleichtert auch den Transfer vom und in den Rollstuhl. Künzli-Schuhe gibt es in verschiedenen Ausführungen und Modellen. Man erhält sie in orthopädischen Schuhgeschäften. Sie werden normalerweise von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bezahlt. 3
    Manche Ärzte spritzen gerne das Nervengift Botox (Botulinum-Neurotoxin Typ A = BoNT A) in die Waden, um Spastik und damit die Bildung von Spitzfüßen zu bekämpfen. Die Wirkung lässt sich aber wohl nur schwer steuern und kann auch ganz ausbleiben. Diese Behandlung sollte man möglichst vermeiden.
    Anders sieht das die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Zur „Therapie des spastischen Syndroms“ heißt es: „Behandlung des spastischen Spitzfußes mittels BoNT A: Für AbobotulinumtoxinA und OnabotulinumtoxinA konnte jeweils mit einer kontrollierten Studie eine effektive Reduktion eines spastischen Muskeltonus im oberen Sprunggelenk durch intramuskuläre Injektionen von BoNT A in die Wadenmuskulatur im chronischen Stadium mit spastisch erhöhtem Muskeltonus nach Schlaganfall gezeigt werden …“ (4).

1.2.4 Musiktherapie

Bereits in der ersten Zeit nach einer Hirnschädigung kann es guttun und helfen, wenn der Patient mit Musik berieselt wird (rezeptive Musiktherapie). Klang kann die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn verstärken. Die Bildung neuer Nervenbahnen wird dadurch unterstützt. Diese psychotherapeutische Heilmethode kann somit die Heilung neurologischer Störungen auslösen oder beschleunigen (5).
    Musik wirkt aber auch einfach auf die Psyche bzw. die Stimmung: Allein schon die Schaffung einer angenehmen Atmosphäre kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Möglich ist das einfache Abspielen der Lieblingsmusik des Patienten und/oder Sitzungen mit einem Musiktherapeuten. Diese Therapiestunden werden von der gesetzlichen Krankenkasse aber nicht immer bezahlt. Die Berieselung mit Musik ist die einfachste Form der Musiktherapie und kann in Eigeninitiative durchgeführt werden. Trotz der nachgewiesenen positiven Wirkung wird sie von den Akut-Krankenhäusern nicht immer konsequent angeboten. Oft fehlen die technischen Voraussetzungen. Die Patienten wünschen meist vorrangig ein Fernsehgerät (was der Psyche freilich auch guttun kann).
    In einigen Reha-Kliniken wird eine erweiterte Form der Musiktherapie angeboten: die neurologische Musiktherapie. Dabei werden Krankengymnastik, Sprech-, Sprach- und Gedächtnistraining mit Musik bzw. mit rhythmischen Klängen begleitet (rhythmisch gestütztes Training, bzw. rhythmisches Entrainment). Dies verstärkt die Wirkung der Therapien zur Minderung von Lähmungen.
    Aber auch auf Menschen ohne neurologische Schäden hat Musik einen starken Einfluss. Musik aktiviert die Nervennetze in verschiedenen Gehirnbereichen. Jeder weiß, welche angenehme, entspannende Wirkung Musik haben kann. Darüber hinaus hat bestimmte Musik aber viele weitere Effekte auf Körper und Geist (psychophysiologische Effekte): beispielsweise die Senkung des Blutdrucks, die Verringerung der Schmerzempfindlichkeit oder das Lösen von Muskel-Verkrampfungen.
   
Mit der Wirkung von Klängen auf den Menschen befasst sich die Praxis des Nada-Yoga (6). Mit dieser 5000 Jahre alten metaphysische Lehre aus Indien kann man sich intensiv beschäftigen. Hierzu gibt es viele Bücher, Videos etc. Ein wichtiger Kernsatz der Nada-Yoga-Lehre, wie auch der allgemeinen Musiktherapie ist: Ein Heilerfolg wird vor allem mit Obertonmusik erzielt. Obertonreiche Musik findet sich vorwiegend in der Klassik. Sie ist erhältlich im Handel auf Datenträgern oder als Download. Noch einfacher ist das Abspielen (Streaming) über den Internet-Musikdienst Spotify, z.B. übers Smartphone oder über den PC. Auch auf Youtube gibt es ein unüberschaubares und kostenloses Angebot – allerdings auch allerhand esoterischen Unsinn.

1.2.5 Dekubitus

4Wichtig ist bei allen Gelähmten das Verhindern von Druck- und Scheuerstellen auf der Haut. Diese können durch die andauernde Druckeinwirkung beim Liegen oder Sitzen entstehen (Dekubitus, Druckgeschwür, Wundliegegeschwür)(7). Dekubitus betrifft viele unbewegliche Patienten und kann zu einem schwerwiegenden Problem werden. Übergewicht, Schwitzen oder Inkontinenz können das Problem verschärfen. Auch die Ernährung und die psychische Verfassung beeinflussen das Entstehen von Dekubitus. Querschnittgelähmte ohne Schmerzempfinden spüren möglicherweise vorhandene Druckstellen gar nicht. Dies erfordert eine hohe Pflege-Qualität und Aufmerksamkeit. Die Pflegekräfte nehmen dieses Thema normalerweise sehr ernst. Vorbeugend gegen Dekubitus sollte man auf jeden Fall spezielle Anti-Dekubitus-Matratzen und -Rollstuhl-Sitzkissen verwenden. Auch Schaffelle haben sich als Unterlage beim Liegen bewährt. Es gibt spezielle Felle oder lammfellähnliche Unterlagen, die bei 95° waschbar sind, z.B. Lanamed (www.lanamed.de). Normale Schaffelle sind hingegen ungeeignet. Wenn man es nicht selbst kann, müssen die Pflegekräfte für eine möglichst häufige Druckentlastung der betroffenen Körperstellen sorgen. Man sollte zum Duschen nur ph-neutrale und rückfettende Wasch-Gels verwenden. Sehr gut sind die Produkte der Menalind-Serie von der Firma Hartmann. Produktname des Wasch-Gels: »Menalind professional clean Waschlotion«. Internet-Apotheken liefern diese Produkte besonders preiswert (beispielsweise www.medikamente-per-klick.de). Auch regelmäßiges behutsames Massieren und Einreiben mit einer fetthaltigen Salbe kann den beanspruchten Hautstellen sehr guttun. Und natürlich möglichst viel Bewegung sowie eine häufige Veränderung der Sitz- und Liegeposition. Bewegung und Spastik können dafür sorgen, dass die Muskeln nicht (so schnell) abgebaut werden. Muskeln bilden ein Druckpolster und helfen, Dekubitus zu vermeiden.
    Außerdem sehr wichtig: die Ernährung und die Versorgung mit Vitalstoffen. Interessant ist, dass die optimale Ernährungsform (nicht nur) für bewegungseingeschränkte Behinderte gleichzeitig auch eine wirksame Vorbeugung gegen Dekubitus sein kann. Siehe Kapitel 3.10. Insbesondere die Versorgung mit Eiweiß (Protein) spielt bei der Dekubitus-Vorsorge eine große Rolle (8). Die Patienten sollten deshalb die Nahrung mit Eiweiß-Pulver anreichern.

 

1.3 Nach dem ersten Schock: Wie geht‘s jetzt weiter?

1.3.1 Rehabilitation

Die stationäre medizinische, bzw. neurologische Rehabilitation (Kurzform Reha) folgt auf den Aufenthalt im Akutkrankenhaus. In der Reha werden die vorhandenen Funktionsstörungen behandelt. Schlaganfall-Patienten sollen nach der Behandlung möglichst ohne Beeinträchtigungen in ihr bisheriges Leben zurückzukehren können. Ist eine Heilung nicht oder nur teilweise möglich, dann sollen die Patienten wenigstens ihren Alltag meistern können. Auch die Rückkehr in die sozialen und beruflichen Lebensbereiche kann Ziel der Reha sein. Wie gesagt ist vor allem bei Schlaganfällen ein schneller Beginn der Reha unerlässlich. Er sollte innerhalb der ersten zehn Tage nach dem schädigenden Ereignis erfolgen, sofern keine Komplikationen vorliegen, die eine rasche Entlassung aus dem Akut-Krankenhaus verhindern. Häufig ist zu diesem Zeitpunkt auch noch während der stationären Reha-Behandlung eine intensiv-medizinische Betreuung notwendig (Frührehabilitation). Normalerweise empfiehlt das Krankenhaus der Akutphase, bzw. der dortige Sozialdienst, eine geeignete Reha-Klinik. Allerdings ist diese Empfehlung nicht in jedem Fall die beste Wahl für den Patienten, z.B. weil bestimmte andere Aspekte bei der Empfehlung eine Rolle spielen. Deshalb lohnt sich eventuell eine intensive Recherche, ausgehend von der individuellen Diagnose. Besonders in schwereren Fällen lohnt sich diese Mühe. Informationen findet man in Internet-Portalen wie z.B. www.rehakliniken.de. Insbesondere sollten die jeweils angebotenen Therapiemethoden genau unter die Lupe genommen werden. In Kapitel 2.2.1 werden die gängigen Therapiemethoden kurz vorgestellt. Man kann natürlich trotzdem Pech haben und in einer guten Klinik an einen schlechten Therapeuten geraten – oder umgekehrt. Falls der Wunsch besteht, in eine andere Reha-Klinik aufgenommen zu werden, dann muss das ggf. bei der gesetzlichen Krankenkasse beantragt werden.
    Wenn Manager in ihren Unternehmen neue Projekte oder Prozesse einführen, gilt die Regel t-t-t: »Things take time« (Die Dinge brauchen Zeit). Die Regel »t-t-t« gilt auch für das Projekt »Neu-Organisation des Gehirns«. Man darf nicht die Geduld verlieren. Denn das Neu-Erlernen von Bewegung kann quälend langsam gehen. Zwar kommen spontane Rückbildungen von Lähmungen (Spontanremission) vor, vor allem in den ersten Monaten nach der Schädigung. Aber das geschieht nicht immer und nicht in allen betroffenen Körperteilen.

1.3.2 Gesetzliche Betreuung und Vorsorgevollmacht

Einige Patienten sind, zumindest vorübergehend, nicht mehr in der Lage, anstehende Entscheidungen selbst zu treffen. Dies betrifft normalerweise nicht nur Entscheidungen zur weiteren medizinischen Behandlung, sondern zu allen Lebensbereichen. Insbesondere geht es auch um die Regelung von Geldangelegenheiten. Praktische Angelegenheiten des Alltags werden meistens von den Angehörigen übernommen. Nicht so einfach ist die Übernahme einer »rechtsgeschäftlichen Vertretung« für erwachsene Menschen. Das betrifft die Vorgänge, bei denen eine eigenhändige Unterschrift erforderlich ist. Rechtsgeschäfte kann nur ein vom Betreuungsgericht (Amtsgericht) eingesetzter gesetzlicher Betreuer übernehmen. Bei minderjährigen Kindern spricht man dagegen von gesetzlicher Vertretung (Vormundschaft). Volljährige können in Deutschland nicht entmündigt und unter Vormundschaft gestellt werden. Stattdessen kann das Gericht eine rechtliche Betreuung anordnen. In den meisten Fällen beauftragt das Gericht damit einen Angehörigen. Wenn es eilig ist, kann das Gericht in einem vereinfachten Verfahren durch einstweilige Anordnung einen vorläufigen Betreuer bestellen (9). In einer vorab erstellten Betreuungsverfügung kann man eine Person vorschlagen, die im Ernstfall zum Betreuer bestellt werden soll. Das Betreuungsgericht hat diesem Vorschlag zu entsprechen, wenn es dem Wohl des Patienten nicht zuwiderläuft.
    Das gerichtliche Verfahren zur Bestellung eines gesetzlichen Betreuers kann also mit einer vorab erstellten Betreuungsverfügung abgekürzt werden. Wer sich als Patient aber nicht völlig den Entscheidungen eines Betreuers ausliefern will, der kann stattdessen vorab eine »rechtsgeschäftliche Vollmacht« ausstellen. In einer solchen Vorsorgevollmacht kann man genau festlegen, für welche Angelegenheiten eine Vertrauensperson bevollmächtigt wird. Der durch die Vorsorgevollmacht Bevollmächtigte ist dann kein gesetzlicher Betreuer. Er darf also ausschließlich die Dinge regeln, die in der Vorsorgevollmacht aufgelistet sind. Bei längerfristiger Hilflosigkeit kann trotz der Vollmacht eine gesetzliche Betreuung notwendig werden. Für diesen Fall kann die Vorsorgevollmacht einen Absatz mit einer Betreuungsverfügung enthalten.
    Für die vom Betreuer oder vom Bevollmächtigten zu treffenden Entscheidungen im medizinischen Bereich ist maßgeblich, was der Betroffene vorab in einer Patientenverfügung festgelegt hat. Insbesondere geht es dabei um die Verweigerung lebensverlängernder Maßnahmen im Fall einer tödlich verlaufenden Krankheit.
    Vordrucke für die Vorsorgevollmacht gibt es zum Herunterladen auf der Homepage des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz: www.bmjv.de. Dort findet man auch Textbausteine zum Verfassen einer Patientenverfügung. Näheres zum Thema Patientenverfügung in Kapitel 4.3.1.
    Viele Menschen verfassen also vorsorglich, wenn sie noch gesund sind, eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung. Normalerweise genügt es, diese Schriftstücke zu unterschreiben und sicher zu verwahren – natürlich so, dass sie im Ernstfall gefunden werden. Manchmal kommen Zweifel auf, ob ein Betroffener diese wichtigen Schriftstücke auch wirklich selbst unterschrieben hat. Denn so mancher Angehörige oder Verwandte ist mit den darin festgelegten Regelungen gar nicht einverstanden. Besonders, wenn es um Vollmachten geht, welche die Finanzen betreffen. Deshalb ist es sinnvoll, die Dokumente im Beisein eines Notars zu unterschreiben (notarielle Beglaubigung). Das kostet nicht viel und bringt Sicherheit. Falls es um Vollmachten für größere Vermögenswerte oder Firmen geht, sollten diese eventuell nicht nur notariell beglaubigt, sondern richtig beurkundet werden.
    Auf jeden Fall sollten Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer registriert werden. Im Notfall schauen die Ärzte dort nach, ob solche Dokumente vorliegen. Beim Zentralen Vorsorgeregister liegen nicht die Dokumente selbst. Die Datenbank gibt Auskunft über deren Vorhandensein und über den Namen eines Bevollmächtigten. Man kann auch einen Kommentar hinterlegen, z.B. über den Aufbewahrungsort der Dokumente.Kapitel 2

(1) www.strokeassociation.org
(2) Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden
(3) www.der-querschnitt.de
(4) www.dgn.org/images/red_leitlinien/LL_2008/archiv/ll08kap_096.pdf
(5) www.tettricks.de/therapien/musiktherapie und www.wikipedia.org/wiki/Musiktherapie
(6) https://en.wikipedia.org/wiki/Nāda_yoga
(7) www.pflegewiki.de/wiki/Dekubitus
(8) www.dekubitus.de
(9) www.rechtlichebetreuung.de/betreuungsrecht